Zitate sind etwas Feines. Sie drücken nicht nur das, was man selber denkt, aber nur unzureichend in Worte fassen kann, so aus, dass jeder sagt: Aha! Sie ermöglichen auch, die Schlagkraft des Gesagten durch eine über alle Kritik erhabene Persönlichkeit, den Vater des Zitats, abzusichern. Wenn Lieschen Müller sagt: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“, dann zucken die meisten nur mit den Schultern. Wenn das aber Goethe sagt, dann denke jeder: „So muss es sein!“

Unsere Altvorderen wussten um die argumentative Wucht solcher Zitate. Ganze Redeschlachten, so wird überliefert, wurden mit Zitaten, geborgter Munition gewissermaßen, ausgetragen. Und damit man die immer passend zur Hand hatte, wurden sie fleißig gesammelt und publiziert. Georg Büchmann hieß der berühmteste dieser Sammler. Er hat knapp zweitausend dieser „geflügelten Worte“, wie er sie nannte, zusammengetragen. Und ein für allemal festgehalten, von wem sie stammten. Seine Nachfolger ha- ben den Schatz an Zitaten noch erweitert. Frühere Generationen bekamen „den Büchmann“ zur Konfirmation oder zum Abitur. So waren sie fürs Leben gewappnet. Angriff und Verteidigung, alles in einem Band. Auch eine Form des Stellvertreterkriegs.

Heute leben wir in einer Zeit, in der das authentische Ich sich höchster Wertschätzung erfreut. „Was heißt hier Goethe, – ich schreibe auch.“, soll einmal ein Schriftsteller auf einer Germanistentagung gemurrt haben. Nur noch selten bedient man sich eines wirkungsvoll platzierten Zitats. Wenn aber doch, dann scheint in Vergessenheit geraten zu sein, von wem dieses eigentlich stammt. Oder, schlimmer noch, dem Schöpfer des Spruchs wird jene Autorität aberkannt, die unverzichtbar für den Waffencharakter des Zitats ist. Entweder weil er heute nicht mehr bekannt ist, oder aber, weil er irgendwie suspekt geworden ist. Sicherheitshalber verzichtet man daher auf seine Nennung. Brecht zum Beispiel, der soll ja sogar Kommunist gewesen sein! Was tun, wenn er dennoch einen Satz hinterlassen hat, der es wert ist, zitiert zu werden, etwa: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Ganz einfach: Man macht dasselbe, was man mit schmutzigem Geld tut, man wäscht es. Dann stammt es nicht mehr vom (schmtzigen) Bertolt Brecht, sondern vom (sauberen) Michael Steinbrecher. Den kennt doch jeder, - oder?Sogeschehen bei Misereor in der Plakataktion für den Kampf gegen Hunger in der Dritten Welt. Ganz ohne Frage ist das ein löblicher Zweck. Doch heiligt der auch die Mittel? Warum scheut man sich, Brecht als Urheber zu nennen? Ich fragte nach und erhielt folgende Antwort:

„Sehr geehrter Herr Foljanty,

herzlichen Dank für Ihre Mail bezüglich des Plakates von Michael Steinbrecher. Da Michael Steinbrecher den einen Satz, der Berthold [sic!] Brecht zugeschrieben wird (keine eindeutige Quellenlage!) mit einem anderen kombiniert, haben wir von einer Kennzeichnung in Anführungszeichen abgesehen. Der Teilsatz ,Wer nicht kämpft hat schon verloren.´ ist zu einem Sprichwort/Slogan geworden, der auf T-Shirts, als Buch- oder Aufsatztitel genutzt wird, – ohne Kennzeichnung.

Entscheidend ist die Aussage des Satzes von Herrn Steinbrecher, dass wir zusammen gegen die Armut vorgehen sollten.

Mit freundlichen Grüßen

[…]“

Alles klar? Notfalls schiebt man es auf die Quellenlage. Und außerdem: Ein halbes Zitat ist noch lange kein Zitat. Was sagen eigentlich die Erben von Brecht dazu?

Heiner Müller war auch aus dem Osten. Von ihm stammt: „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“. Schöner Satz, aber wer ist Heiner Müller? Außer ein paar Literaturfreaks kennt den doch keiner! Also wird auf Harald Schmidt, Spezialist i.R. für verschmidtzt- hinterhältige Sprüche, zurückgegriffen, um dem Satz Durchschlagskraft zu verleihen. So geschehen in der taz.Nur zwei Fälle? Es gibt mehr. Der Diebstahl geistigen Eigentums greift um sich. Oder ist es nur Schlamperei? Vielleicht im gegebenen Fall mal ins Internat schauen, da stehen auch solche Zitate und ihre Urheber drin!