„In Europa ist alles so groß, so groß –

Und in Japan ist alles so klein!“

Kurt Tucholsky, von dem diese Verse stammen, war meines Wissens nie in Japan gewesen. So kennt er die Zeugnisse eines spät erwachten, nun, vielleicht nicht Größenwahns, aber doch eines Höhenwahns - etwa in der Architektur – nicht. In manchen Gebäuden, so dem Gouverneurspalast von Tokyo (tochô 都庁), kommt wohl beides zusammen.

Doch auch wenn die Japaner heute hoch bauen und so Größe anstreben, – irgendwie wird ihnen selbst das Große im Geiste doch klein. Denn die japanische Ästhetik ist nun einmal auf eine bestimmte Dimension hin ausgelegt, die nicht ohne weiteres mit dem Zollstock gemessen werden kann.

In Europa ist es umgekehrt: Selbst das Kleine ist hier irgendwie groß. Wer die überladenen Barockresidenzen hiesiger Potentaten betrachtet, weiß, was ich meine. Etwa in der Totschlagarchitektur von Wien. Baukunst als Drohgebärde ist in Europa zu Hause.

Überhaupt: Uns gefällt das Große. Man denke nur an Ausdrücke wie „großartig“. Seit einiger Zeit schon hat die amerikanische Version von „übergroß“ auch bei uns Konjunktur: XXL. Das ist nicht nur eine sachlich gemeinte Kleidergrößen-Kennziffer, nein, das ist ein Glaubensbekenntnis. Denn nur was groß ist, ist gut. Super.

So wird ganz ungeniert mit XXL als Gütesiegel geworben: Nicht nur beim Hamburger, auch eine als seriös geltende Telekommunikationsfirma machte einst das „XXL-Angebot des Monats“. Selbst die sonst allen Auswüchsen so reserviert gegenüberstehende taz titelte bei einem der letzten Castor-Transporte: „Widerstand XXL“. Ja, so kriegt man sie, die Kids! Selbst Bach, Joh.Seb., kommt nicht ungeschoren davon: Im Radialsystem wurde sein Weihnachtsoratorium von Novoflot in einer XXL-Version präsentiert. Und: „Neue Erkenntnisse in XXL“, – was mag das sein? Schließlich will auch die Deutsche Bank, Seriosität in persona, nicht zurückstehen: „Eine „XXL-Traumreise“ bot sie vor einigen Jahren (2006) an. Dabei könne man „XXL entdecken“, „XXL abheben“, „XXL schlafen“ – überhaupt „Leben Sie XXL“. Damit nichts XXLmäßig schief geht, hat man noch eine XXL-Zusatzchance“. Alles (damals) nachzulesen unter

www.Leben-Sie-XXL.de.

Passenderweise wurde diese Werbung (zumindest im Flyer, der mir vorliegt) mit einem Riesen-Hamburger, der seine stolzen 30 Zentimeter misst, illus- triert. Da braucht man schon eine XXL-Gesundheitsvorsorge, um über die Runden zu kommen. Das ist nämlich die Kehrseite des Größenwahns: Die Übergewichtigkeit. Die soll ja angeblich verboten werden. Müsste man da nicht gleich auch die falsche Sprache mit verbieten? Nein, eindeutig nein, Sprache darf nicht verboten werden.

Doch man muss die Zusammenhänge ins Auge rücken: Übergewichtigkeit verlangt nach Massentierhaltung. Von dort ist es nur noch ein kleiner (gedanklicher) Schritt zum Massentourismus, Jumbo Jets und Hochhaus ähnlichen Kreuzfahrtschiffen. Und wenn dann mal so ein Ding umkippt, nur weil ein Steward seiner Mamma auf der kleinen Insel stolz zuwinken wollte, – ja, was hat man denn anderes von solchen Ungetümen erwartet?

Wer mit der Größe nicht umgehen kann, sollte auf dem Boden bleiben. Eine Leserin schrieb in der taz: Man solle doch nicht meinen, die Reedereien bauten aus Jux und Dollerei solche Ungetüme, nein, sie bauen sie, weil sie nachgefragt werden. Wenn hier die verführerische Macht der Werbung auch unterschätzt wird: So ganz unrecht hat die Leserin nicht.