Man kann an vielerlei sterben: an Schweinegrippe, an Krebs, an Lungenentzündung. An Parkinson wohl nicht, das ist eher ein degeneratives Syndrom. Dass sich zwar im Laufe der Jahre verschlimmert, ohne aber direkt letal zu sein. An allem, an dem man sterben kann, kann man auch leiden, ebenso wie an nicht-tödlichen Gebrechen wie eben Parkinson. Kann man aber auch unter Parkinson leiden? Vielleicht nicht unter der eigenen Parkinson- Erkrankung. Doch unter der eines anderen Menschen schon. Es handelt sich also in allen Fällen um physische Dysfunktionen des eigenen Körpers oder solche einer anderen Person.

Roda Roda, der kakanische Meister der deutschen Sprache, hat einst den falschen Sprachgebrauch unnachahmlich auf den Punkt gebracht: „Leiden Sie auch so unter Blähungen, Herr Assessor?“ [fragte der Oberregierungsrat.] „Nur unter Ihren“, antwortete bescheiden der Assessor.

Neuerdings kann man offenbar auch an einem Verkehrsunfall sterben. Kürzlich war ich bei der Aufführung von Friedrich Wilhelm (what a name!) Murnaus letztem Film aus dem Jahr 1931: „Tabu“. Der greift eines der Ur-Themen der Literatur auf, die von der Gesellschaft nicht erwünschte Liebe zwischen zwei jungen Menschen, verlegt aber den Ort der Handlung in die Südsee, auf die Insel Bora-Bora (Tahiti), wo er ihn (fast) ausschließlich mit einheimischen Laiendarstellern dreht. Die Liebe wird einmal torpediert von eigenen Stammesangehörigen, die das Mädchen unberührt brauchen, um sie als Schamanin in den Dienst der Gemeinschaft zu zwingen. Und auf der anderen Seite von dem heran drängenden Kapitalismus, personifiziert in chinesischen Händlern, für die es beim Geldmachen keine Grenze, kein Tabu gibt. Es siegen die Bösen beider Seiten.

Wenige Tage vor der Premiere in den USA stirbt Murnau, so wird dem Publikum berichtet, „an einem Verkehrsunfall“.

Bloß ein Lapsus? Man muss bei Filmleuten höllisch aufpassen, die denken sich gewöhnlich was bei dem, was sie sagen, schreiben oder drehen. Und sie denken manchmal ziemlich kompliziert. Verbirgt sich hinter dieser Formulierung vom Tod eines aus dem „verlorenen Paradies“ Zurückgekehrten durch eines der zentralen Symbole des Kapitalismus nicht gar Zivilisationskritik?