Unter dieser Überschrift wurde in der taz vom 10.März der Brief einer 79-jährigen Langzeit-Leserin abgedruckt. Die Frau beschwert sich über die Häme, die gelegentlich über uns Alte in dieser – politisch angeblich so korrekten – Zeitung ausgeschüttet wird. Mal abgesehen davon, dass wir dieses Schicksal mit Herrn Sarkozy und etlichen anderen Staatsmännern („Die Kartoffeln“), deutschen Stämmen sowie Postbeamten teilen, könnte der beklagte Artikel natürlich auch als schmeichelhaft gedeutet überwerden. Die Originalüberschrift hieß nämlich: „Alte haben immer länger Sex“. Deren Formulierung ist allerdings etwas ambivalent ausgefallen, sie erinnert von fern an eine Tagesspiegel-Fehlleistung aus der Zeit kurz nach der Wende: „Ostdeutsche ertrinken öfter“. Man weiß nicht so ganz genau, sollen die Alten als Langstreckler dargestellt werden, – dann erscheint mir das Wort „immer“ überflüssig. Oder haben sie bis ins hohe Alter hinein Sex, dann könnte „immer später“ angemessen sein. Das allerdings könnte auf eine gewisse Transusigkeit hindeuten: Sie haben den Start verpasst. Vielleicht sollte man daher „länger“ ganz streichen? Doch das könnte einigen Betroffenen auch nicht recht sein. Es ist also gar nicht so einfach, eine einprägsame und dennoch treffende Überschrift zu machen. Schon gar nicht eine, die allen Betroffenen zusagt.

Der Brief weist noch auf ein anderes Problem im Verhältnis der taz zu ihren älteren Lesern hin, die ja zugleich oft auch alte Leser sind, seit Anbeginn dabei: Nicht wenige Menschen der taz-Gründergeneration kommen nach und nach in ein Alter, wo ohne Brille nichts mehr geht. War es da nicht ein wenig vorschnell, beim letzten Relaunch den Schriftgrad zu verkleinern? Natürlich kriegt man so mehr auf die Seiten, doch der Kreis derer, die das noch lesen können, schrumpft. Eine tickende Zeitbombe!

Diese Attacke auf die alternde Leserschaft wurde zwar dadurch kompensiert, dass man den düpierten Alterssichtigen in Form ausladender Subtitel einen Weg anbot, doch mitzureden. Doch die Gefahr ist groß, dass nur noch die Kurzfassungen gelesen werden (können). So ist man denn zwar über die Meinung, die man als taz-Leser haben sollte, informiert, doch die Feinheiten der Argumentation erschließen sich nicht ganz. Hauptsache auf Linie also, „BILD dir deine Meinung“ auf „taz“ gewissermaßen.

So werden die Kurzfassungen, über die ich mich wegen ihrer Prägnanz oft gefreut habe, zur Meinungsbildungs- falle, gemacht für Leser zweiter Klasse, eine „innere Bild-Zeitung“ (Bild in der taz) sozusagen.

Hören wir auf das Signal der Leserin! Wenn wir die Ausgrenzung der Alten, inhaltlich wie formal, nicht wollen, dann wird’s Zeit für eine Revolte. Christian Semler, dessen bin ich mir sicher, wird das Zeichen zum Losschlagen geben. Semler, nun sag mal.

PS: Korrekt hätte die Überschrift lauten müssen: „Menschen haben immer länger Sex“