Die Platte lebt! Faszinierendes weiß die taz am 5.3.09 (S. 28) von den Wohnsiedlungen der untergegangenen DDR zu berichten: Die Wohnungen seien durch private Umbaumaßnahmen und illegale Zusammenlegungen zu einem weitläufigen Höhlensystem verbunden. So sei ein Organismus entstanden, in dem jede Wohneinheit über mehrere Eingänge, Flure und Badezimmerbereiche verfüge. Die Bewohner lebten in unübersichtlichen Patchworkverhältnissen, beim Einwohnermeldeamt ordentlich angemeldet seien die wenigsten. Gecekondular in Berlin? Nicht gerade über Nacht entstanden, aber immerhin auch irgendwie unter der Hand gewachsen.

Nein, eher denn an Istanbul erinnert mich das an Warschau: Schon bevor in dieser von den Deutschen besetzten Stadt am 1. August 1944 der Aufstand losbrach, hatte die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) die Keller der Wohn- und Geschäftshäuser nahezu in der gesamten Innenstadt durch Mauerdurchbrüche miteinander vernetzt und so eine zweite Ebene unterhalb der Stadt geschaffen. (Darunter lag noch eine dritte, die Kanalisation, die von den Aufständischen am Ende auch noch genutzt werden musste.) Das erlaubte ihnen verdeckt und wirksam unter der Erde zu operieren in einem Bereich, in dem sich der Gegner nicht auskannte. Es gab ja keine Pläne von diesem Verbindungsnetz.

Was also droht in Hellersdorf? Ein Aufstand? Oder nur eine Parallelgesell- schaft? Etwa eine Spielweise der Nachfahren unserer Stadtindianer? Renée Zucker, eine meiner Lieblingskolumnistinnen, sieht es so: Diese Art der Umdeutung sozialistischer Plattenbauten komme „alten Hippieträumen von städtischen Stammesgesellschaften sehr nahe.“