Nach dem Amokflug einer Maschine der Germanwings hallt das Land wider von Vorschlägen zur Verhinderung derartiger Taten. Favorit ist neben der nahezu einmütig erhobenen Forderung nach psychologischer Untersuchung der Flugamtsanwärter das so genannte Vier-Augen-Prinzip. Das geht davon aus, dass sich das Böse vermeiden lässt, wenn jemand zuschaut. Ist gar nicht so verkehrt. Wer würde schon gern seine Oma (wegen des ihr klein Häuschen) just dann umbringen, wenn gerade die Kassiererin vom benachbarten Supermarkt zur Spätschicht eilt?

Doch mein Einwand ist grundsätzlicher, die meisten Szenarien, die auf dem Vier-Augen-Prinzip basieren, machen an einer Stelle Schluss,wo es erst richtig problematisch wird. Nehmen wir einmal an, das Flugzeug ist problemlos gestartet, ist auf seine Flugbahn eingeschwenkt, hat schließlich die vorgeschriebene Flughöhe erreicht. „Mach weiter, Kleiner“, raunzt er nun seinem Co zu, ehe er zum Klogang aufbricht. Vielleicht sollte man sagen: zum rituellen Klogang, denn gleich was dabei rauskommt – der muss sein. Das hat er schon immer so gehalten und nie während seiner rund sechstausend Flugstunden ist was passiert. Also macht er das heute ebenso, dann wird er wohlbehalten zu Hause an- kommen. Piloten sind halt auch abergläubisch. En bisschen jedenfalls.

Flugs hüpft eine Flugbegleiterin auf seinen Sitz, von dem aus sie das Treiben des Copiloten beobachtet.

Hier gibt es nun allerlei Strörmöglichkeiten: Die Stewardess hat eine Respektbeziehung zum Kopiloten, vertraut ihm gar blind, was sie daran hindern könnte, einzugreifen, wenn der Kollege nicht nachvollziehbare Operationen ausführt. Da hilft nur eine Konditionierung des gesamten Kabinenpersonals durch ein Training zum unbedingten Misstrauen gegenüber jedermann.

Oder der Kopilot bekommt in dieser Vier-Augen-Situation eínen Herzkaspar – kriegt die Stewardess den Vogel heil runter?

Auch das soll schon vorgekommen sein: (Ko)Pilot und Stewardess fallen im Liebesrausch übereinander her. Das muss nicht zur Katastrophe führen, sofern der Autopilot mitspielt. Aber dann sind es eigentlich schon sechs Augen.

Gravierender scheint mir eine andere Extension der Ausgangssituation: Wer kontrolliert den Piloten auf dem Klo? Alle Szenerien gehen davon aus, dass der im Cockpit Zurückbleibende der potenzielle Amoktäter ist. Doch das ist keineswegs zwangsläufig so. Jeder wird dem Chef eine, auch längere, Auszeit auf dem stillen Örtchen gönnen. So hat der alle Zeit der Welt, mittels der in 100ml Fläschchen mitgebrachten Ingredienzien ein Bombe zu basteln.

Und schon haben wir den Salat: Soll auch hier das Vier-Augen-Prinzip zur Anwendung kommen? Heisst: Sollen auch Piloten beim Klogang von einer zweiten Person eskortiert werden?

So droht langsam, Zug um Zug der schöne Platzgewinn der Großraum-Flugzeuge aufgefressen zu werden durch sicherheitsrelevante Maßnahmen, die wieder neue Sicherheitslücken schaffen. Schließlich hilft nur noch eines: Die Zwangsentleerung von Darm und Blase vor Antritt des Fluges. Von einer Zwangskastration soll vorläufig noch abgesehen werden.