Es ist eine Schande, wie man mit dem Guttenberg umgeht! Gestern noch everybody's darling, werden ihm heute die schlimmsten Verfehlungen und charakterlichen Defizite zur Last gelegt: Er habe auf mindestens 25 Seiten seiner Dissertation von anderen abgeschrieben, ohne diese Stellen als Zitat zu kennzeichnen und die Quelle anzugeben. Stoff des 1. Semesters.
Na und? Copy & paste ist doch inzwischen in der literarischen Welt hoffähig geworden. Ich sage nur „Axolotl roadkill“! Eine Dissertation sei aber keine Literatur, hier gelten andere, durch Tradition patinierte Regeln? Da hat doch der Minister gestern vor der Presse (jedenfalls einem Teil davon) dargelegt, wie es zu diesem Versehen habe kommen können: Er hat die Arbeit unter den denkbar ungünstigsten Lebensbedingungen geschrieben, als junger Familienvater nämlich. Und wir alle wissen doch, was das bedeutet. Guttenberg ist viel zu bescheiden, um das breitzutreten, doch einige scheinen nur Bahnhof verstanden zu haben.
Daher für diejenigen, die schwer von Begriff sind, noch einmal ganz langsam zum Mitfühlen: Ein junger Familienvater hat, weil er Vater ist, eine Familie. Die will nicht nur mit Futter und Klamotten versorgt werden, sondern hat auch emotionale Bedürfnisse: Egal ob Frau oder Kind, sie alle wollen mit dem Familienvater kuscheln, zumal dann, wenn dieser jung und kuschelfähig ist.
Doch der junge Familienvater hat zwei Seelen, ach, in seiner Brust: Er will nicht nur mit Frau und Kind kuscheln, sondern auch über die Verfassung nachdenken. Und dann darüber eine Monographie schreiben. Die wird Dissertation oder liebevoll Diss. genannt, wenn man dafür den Doktortitel bekommt.
Dieses Verfassungs-Thema geht ihm nicht aus dem Sinn, auch wenn er sich die Hände wund kuschelt. Was macht unser junger Familienvater in seiner Not? Er liest der Bagage beim Schlafengehen als Gute-Nacht-Geschichte aus seiner Diss. vor! Genial! So kann er noch einmal alles in Ruhe durchdenken und zugleich das Schutzbedürfnis der Familie befriedigen: Die sonore Stimme des lesenden Doktoranden suggeriert Sicherheit. Und über den drögen Stoff schlafen alle ein, auch der junge Familienvater. Wir jungen und älteren Familienväter wissen ja, wie schnell das geht. Und als er wieder aufwacht, ist ihm entfallen, dass er doch noch die Quellenangaben zu dem Vorgelesenen einarbeiten wollte. So geht’s nun mal im Leben, zumal der Schlaf ja die Aufgabe hat, in unserem Gehirn Ordnung zu schaffen. Das was keinen dauerhaften Platz findet, wird während des Schlafs hinaus geträumt. Und da findet es unser Familienvater, der ja noch jung und daher der Zukunft zugewandt ist, nicht wieder. Er macht einfach weiter, wo er aufgehört hat, und schon hat er den Salat.
Wir können nur hoffen, dass die Kinder (oder das Kind) keine bleibenden Schäden davongetragen haben. Denn während Normalo-Kinder ihren intellektuell-emotionellen Haushalt über Geschichten von verbrannten Hexen und vermiedenen Inzesten regeln konnten, müssen sich Guttenbergs Kinder nun den bohrenden Fragen aus „Verfassung und Verfassungsvertrag“ stellen. Keine Disco, keine Party, kein Spaß. Haben sie das wirklich verdient? Sie stammen schließlich von einer tätowierten Mutter ab, das hat sicherlich auch für Fun-Segmente in ihrem persönlichen DNA gesorgt.
Wo liegt wohl Guttenbergs größere Schuld? Aus Büchern abgeschrieben zu haben, die eh keiner kennt, geschweige denn liest? Oder seine Kinder auf eine Scheinwelt programmiert zu haben, in der sich Hobbits um Verfassungsauslegungen heilige Kriege führen?
Die Antwort dürfte klar sein.
PS: Dem Vernehmen nach soll sich der Verteidigungsminister dafür eingesetzt haben, dass künftige Versionen bzw Folgen von „Herr der Ringe“ nicht mehr in Neuseeland gedreht werden, sondern in Afghanistan. Arbeitstitel: „Frodo und der Kampf um Artikel 115a des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland“. Die Vorbereitungen zu den Dreharbeiten laufen bereits, müssen aber aus naheliegenden Gründen geheim bleiben: Rollenangebote an die Taliban (einschließlich der Umerziehunsgmaßnahmen zu gutmütigen Halblingen), Testaufnahmen mit Pressevertretern (Kerner u.ä.), Umschulung der Bundeswehrsoldaten zu Filmtechnikern usw. Das erklärt die große Zahl geheimer Reisen des Ministers nach Afghanistan, der auch für eine zentrale Rolle gecastet wurde. Klar ist offenbar noch nicht, für welche. Doch er hat ja demnächst viel Zeit für derartige Aktivitäten.