Was lese ich da in meiner taz, der Quelle meiner Inspiration? Ich gucke noch einmal hin, ein drittes Mal, – es bleibt so, der Satz steht unverrückbar: „Es heißt, jede Narbe erzählt ihre eigene Geschichte.“ Ja, was denn sonst?! Soll sie sich etwa eine ausdenken? Wenn jetzt auch noch die Narben begin- nen zu spinnen … .

Vermutlich wolle Arno Frank, der Verfasser von „Das Blech des Bösen“ ja nur sagen, dass jede Narbe ihre Geschichte hat, die sie möglicherweise auch erzählt. Seine vielleicht, meine sind von etwas anderem Kaliber, die erzählen schlichtweg nichts. Ich muss das alles selber machen.

Dabei habe ich eine ganz ansehnliche Sammlung von Narben. Aber sprechen? Und gar noch die eigene Geschichte? Nichts da! Die wollen immer nur das eine: ihre Geschichte hören. Also lasse ich mich nicht lumpen und erzähle, was das Zeug hält.

Die meisten Menschen kommen in einem makellosen Körper zur Welt. Der wird im Laufe der Jahre mehr und mehr entstellt, zunächst durch Fremd- einwirkung (Sturz von dem Nachbarn sein´n Kirschbaum), später dann durch Selbstverstümmelung (Völlerei, Alk-Exzesse etc.). Irgendwie kriegen es die meisten ganz prima hin, zu sterben. Nicht wegen der Narben, doch die sind ohnehin nur externe Manifestation interner Vorgänge.

Es gibt Verletzungen, die hinterlassen keine oder kaum sichtbare Narben. Unzählige davon bedecken unseren Körper. Doch auch größere Verletzun- gen gehören zu unserem coming of age. Der Sturz vom Fahrrad etwa, bei dem das Kinn auf die Bordsteinkante knallt. An Schlimmeres will ich hier gar nicht denken.

Die Operation ist der dramatischste externe Eingriff, der die Makellosigkeit unseres Körpers endgültig und zwar vorsätzlich vernichtet. Ich war um die Dreißig, als ich zum ersten Mal operiert wurde. Nicht der Blinddarm, der ist von der Hl. Evolution nur zu Testzwecken entwickelt worden. Es war die Galle. Wenn ich an meinem Körper herabblicke, muss ich mich ganz schön nach vorn beuge, um die OP-Narbe zu sehen. Die Narbe selbst ist der Hammer, sie schließt mich automatisch von der Teilnahme an jedwedem Schönheitswettbewerb aus. Selbst der Besuch einer stinknormalen Badeanstalt verlangt von mir erhebliche Selbstüberwindung.Als rund zehn Jahre später eine weite OP erforderlich wurde, weil der Operateur gepfuscht hatte, fragte bei der Voruntersuchung der Assistenzarzt teilnahmsvoll: „Wer hat denn

das gemacht?“ Ich nannte den Namens seines Chefs, er zuckte zusammen und beschwichtigte dann: „Naja, wenn Sie eine Frau wären, hätte er schon ein wenig kosmetischer operiert.“ Schlimmer hätte er es gar nicht machen können, zumal sein süddeutscher Dialekt der Aussage einen gewissen axiomatischen Charakter verlieh.

So erzähle ich meinen Narben von Zeit zu Zeit ihre Geschichte, auf dass wir ein inniges Verhältnis zueinander finden. Aber immer bin ich es, der erzählt. Das stinkt mir langsam. Wie machen Sie das nur, Herr Arno Franck?!

Unvergessen wird mir auch der Versuch zweier Assistenzärzte bleiben, mir unter Lokalanästhesie einen Herzkatheter zu legen. Nach anfänglicher kollegialer Zusammenarbeit („Weiter rechts!“) gingen sie zur offenen Feldschlacht über („Du hast ja keine Ahnung!“ – „Stümper!“ etc.!). Ich war kurz nach der OP zu schwach, um mich gegen diese Zumutung zur Wehr zu setzen. Auch diese Geschichte endet in einer Narbe: Dort, wo er Katheter eingeführt wurde, lässt sich wegen Totalvernarbung heute kein Blut mehr entnehmen.