Hinrichtungskultur in Ost und West
Wenn Menschen andere Menschen töten, um sie zu bestrafen, dann ist die Wahl des Mittels doch eher zweitrangig – könnte man meinen. Denn es ist ein Akt der Rache, und der kann aus der Sicht des Strafenden nicht grausam genug vollzogen werden. Die türkische Journalistin Ayse Hür legt in ihrem sehr lesenswerten taz-Beitrag „Enthaupten, bis der Arm müde wird“ (15/16.November 2014, S.12-13) dar, dass es durchaus Differenzierungen gab.
Differenzierungen in der Hinrichtungsart drücken den Respekt vor dem Delinquenten aus. Auch die komplikationsfreie Exekution zielte in die gleiche Richtung. An der Spitze des Hinrichtungs-Ranking stand das Enthaupten mittels Schwert, Hängen oder Kreuzigen galt als weniger ehrenhaft. Kriterium dieses Respektausdrucks war offenbar die relative Schmerzfreiheit. Hier zeichnen sich bereits erste Ansätze einer Zwei-Klassen-Medizin ab.
Die Autorin fokussiert ihre historische Studie auf die islamische Welt, ohne dabei das außer Betracht zu lassen, was rechts und links des Wegesrands zu finden ist. Das liegt in ihrem Ansatz begründet, ist aber gleichwohl schade, übersieht sie doch dadurch Japan.
Japan folgt diesem universellen Muster, schafft aber zugleich einen Sonderweg. Ich meine das harakiri, korrekt: seppuku. Beide Ausdrücke besagen das selbe: „den Bauch aufschlitzen“, der Unterschied resultiert aus der japanischen beziehungsweise chinesischen (sino-japanischen) Leseweise der verwendeten Schriftzeichen. Lax gesagt: je höher ein Begriff auf der sozialen Stufenleiter angesiedelt ist, desto eher wird die (sino-)chinesische Aussprache.verwendet. (Vgl. die soziale Konnotation bei der Verwendung lateinischer Lesarten im Deutschen!)
Und hier gelangen wir nun zu des Pudels Kern: Die Tötung durch das Schwert gilt auch in Japan als die ehrenvollste Variante. Und warum das Schwert im Bauch?Zum einen kann man darauf hinweisen, dass im ostasiatischen Kulturraum der Bauch nicht nur Zwischenlager von Verdauungsprodukten ist, sondern auch der Sitz tiefreichender Emotionen. Zum zweiten aber, und das ist wichtiger, wird die eigentliche Hinrichtung nicht durch das Aufschlitzen des Bauchs ausgeführt, sondern durch Enthaupten. Während der Delinquent das Messer ansetzt, um es sich andeutungsweise in den Bauch zu stoßen (die Gewährung der Selbstbestimmung hinsichtlich der Exekution kann als Ausdruck der Hochachtung gesehen werden, gemeinen Verbrechern wurde dieses Privileg nicht zugestanden) in diesem Moment also schlägt der eigentliche Henker zu. Das Schwert muss zwischen zwei bestimmten Halswirbeln auftreffen, um eine blitzschnelle Trennung des Hauptes vom Körper zu gewährleisten und somit einen halbwegs schmerzfreien Tod. Dies ist allein der Kunstfertigkeit des Henkers zu verdanken, versagt er, wird das Spektakel (natürlich wurde es vor erlesenem Publikum ausgeführt) zum Albtraum. Beispiele aus der europäischen Hinrichtungsgeschichte nennt Ayse Hür, in Japan kam es zuletzt im Jahr 1970 zu einer – damals schon illegalen – Selbsttötung, als der politisch rechts stehende Schriftsteller Mishima Yukio (zum Zeichen des Protestes gegen die „verwestlichte“ Politik der japanischen Regierung mit Gesinnungsgenossen eine Kaserne der Selbstverteidigungsstreitkräfte in Tôkyô besetzte und nach dem Verlesen eines Manifests seppuku, verübte. Der hinter ihm positionierte „Assistent“ mit dem Schwert war jedoch mangels Praxis nicht in der Lage, sofort die richtige Stelle zu treffen und bereitete Mishima so ein qualvolles Ende.