… , dann kann sie was erzählen. Die Bundeskanzlerin ist derzeit auf Staatsbesuch in Japan. Dort berichtet sie von dem wundersamen Wandel des bösen, nazistischen Deutschland in ein gutes, das seine Nachbarn liebt und von diesen geliebt wird, so dass es nach einer angemessenen Sühnefrist wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen werden kann. Ach wie schön riecht Deutschland!
Sie wird dies wohl auch mit der Intention erzählt haben, Japan zu ermutigen, auf seine Nachbarn zuzugehen, die während des Pazifischen Krieges (1932-45) unter der japanischen Okkupation unsäglich gelitten hatten. Wer seine Schuld eingesteht, kann damit rechnen, dass ihm die Hand zur Versöhnung entgegengestreckt wird. So etwa hat sich das Merkel wohl im Kopf zurecht gelegt.
Es mag Konstellationen geben, wo dies einleuchtend und stimulierend wirkt. Nicht so in Japan. Lange schon wird über die japanische Kriegsschuldfrage im Lande selber gestritten, ohne dass sich ein kollektives Schuldbewusstsein entwickelt hätte. Von Anbeginn war die Zahl derer, die ihr Land in der Schuld sahen, gering, im Laufe der Jahre nahm sie immer weiter ab *. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht Japan im Recht, es sei schließlich um die Lebensfähigkeit des Landes gegangen. Kein japanischer Politiker, der ernsthaft das Amt des Regierungschefs anstrebt, hätte es sich leisten können, das „eigene Nest zu beschmutzen.“
Symbol dieser Geschichtsleugnung war der jährliche Besuch des Regierungschefs beim Yasukuni-Schrein in Tokyo, wo alle Untertanen des Tennô, die für diesen ihr Leben gegeben hatten, gewissermaßen als Staats-Heilige verehrt werden. So auch jene Militärs, die im Tokyo-Tribunal als Kriegsverbrecher der Kate- gorie A verurteilt und hingerichtet worden sind. Mehr noch als in Deutschland wurden die nicht exekutierten Kriegsverbrecher in die Gesellschaft re-integriert, einige sogar in hohe Ämter von Bürokratie und Wirtschaft eingesetzt. Im Schulunterricht wird diese Epoche nur flüchtig gestreift, Verbrechen wie die Ermordung von Zivilisten, Vivisektionen an Kriegsgefangenen, sowie die erzwungene Sexsklaverei von Frauen aus den besetz- ten Gebieten unter dem menschenverachtenden Begriff „Trostfrau“ (ian-fu; 慰安婦) bestenfalls nicht unerwähnt gelassen.
All diese Untaten gelten unter Wissenschaftlern – auch vielen japanischen – schon längst als hinreichend belegt. Die japanische Regierung aber sieht darin in bester klassischer Augen-zu-Manier nichts als Greuelpropaganda. Es ist ganz ohne Frage eine Angelegenheit des japanischen Volkes und seiner gewählten Regierung, den rechten Weg aus diesem Dilemma hin zu einer konstruktiven Miteinander zu finden. Wenn nun Frau Merkel aus deutscher Sicht gute Ratschläge geben zu müssen glaubt, ist die Wirkung eher kontraproduktiv. In der ehrpusseligen japanischen Gesellschaft ist der schlimmste faux pas die Bloßstellung des anderen vor den Augen der Öffentlichkeit. Und genau das hat Merkel in der Gesprächsrunde in Tokyo getan. Kein Ministerpräsident hätte es sich leisten können, diesem Rat zu folgen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren. Japan ist – und das möchte ich an dieser Stelle einmal laut und deutlich sagen – keineswegs das „Land des Lächelns“ als das viele hier es gern sehen. Wenn dort gelächelt wird, sollte man hier besser den Kopf einziehen.
Nun ist die Kuh auf dem Eis und niemand hat`s bemerkt. Es wird schwer sein und dauern, sie da wieder herunter zu bugsieren. Wenn man in ein fremdes Land fährt und sich mit den Dollpukten nicht so recht auskennt, holt man sich einen kompetenten Berater. Das ist seit alters her guter diplomatischer Brauch. Doch der aber scheint in diesem Fall in Vergessenheit geraten zu sein.
Wenn Angela Merkel wieder heimkehrt, wird sie erneut so manches zu erzählen zu haben. Man darf auf diese Erzählungen gespannt sein. Gilt doch die eingangs zitierte Lebensweisheit eher für den Fall der Heimkehr.
Merke: Geht es dir um die Sache, wähle den indirekten, den diplomatischen Weg. Geht es dir um dich selber, hau tüchtig auf den Putz. __________________* Zwei Filme seien hier genannt, der eine fiktional, der andere dokumentarisch:
1. Rotes Kornfeld 红高粱 / Hóng Gāoliang, Regie; Zhang Yimou,VR China, erzählt die Geschichte einer ländlichen Schnapsbrennerei in China, die unter japanischen Terror gerät. Goldener Bär Berlinale 1988. 2. Riben gueizi “Japanische Soldaten des Teufels“, Japan 2000. Die offizielle Berlinale-Übersetzung des Titels ist nicht nur falsch, sie vermittelt auch ein falsches Bild der Verhältnisse, richtig ist: „Japanische Teufel“), basiert auf Aussagen hoher japanischer Militärs, die in China als Kriegsverbrecher verurteilt worden sind.
9.März .2015