Am Samstag, dem 29. August gegen 16 Uhr zog ich los. In der Hand nur einen Plastikbeutel, gefüllt mit einem einfachen Klappstuhl. An die Möglichkeit, dass es regnen könne, hatte ich nach so vielen trockenen Tagen nicht gedacht. Zunächst bewegte ich mich noch ganz in der Welt der Samstagnachmittagseinkäufer. Wer eine Plastiktüte in der Hand hielt, hatte die in der Regel auch mit dem gefüllt, was der, dessen Name außen dran stand, im Angebot hat. Dass es kein normaler Samstagnachmittag war, merkte ich, als ich am S-Bahnhof Brandenburger Tor ausgestiegen war und der Bushaltestelle zustrebte, von der ich mit dem 100-er zum Platz neben der Staatsoper wollte. August-Bebel-Platz heißt der. Und nicht etwa Richard-Strauss-Platz oder Carl-Maria-von-Weber-Platz. Es ist ein sehr politischer Platz, wird auf ihm doch des Büchermords durch die Nazis gedacht. Der Name geht also in Ordnung. Dorthin hatte die Staatsoper zum public viewing gerufen. Natürlich nannte sie es nicht so, das wäre dann doch zu prollig gewesen, bei aller Anbiederei. Klingt nicht „Oper für alle“ viel kulturbewusster?
Anlass war die Eröffnung der Saison, der letzten, ehe das Haus für eine Generalsanierung auf Jahre geschlossen wird. „Tristan und Isolde“ gab’s drinnen und wurde nach draußen auf eine Großleinwand übertragen, vor der rund 20.000 Zuschauer harren sollten. Fünf Stunden Wagner, das ist harte Kost. Und doch sollte der Platz voll werden. Die Berliner lieben’s ja dicke. Zum Nachschlag gab’s dann noch die „Lange Nacht der Museen“. Kultur XXL, der Hauptstadt des Landes der Dichter und Denker angemessen.
Doch so weit sind wir noch gar nicht. Ich gehe also zur Bus-Haltestelle, die ist aufgehoben, „wegen einer Veranstaltung“, wie die Laufschrift meldet. Na toll, lädt einer der kulturellen Leuchttürme schon mal zum Fest, dann ist der Fährbetrieb eingestellt! Dachte ich leicht verstimmt. Erst langsam sickerte in mein Bewusstsein, dass auch meine Schnäppchenmentalität (300 Minuten Wagner mit Weltstars zum Nulltarif!) Grund für die Verkehrsverweigerung war.
Also ging's zu Fuß weiter, gefühlte fünf Haltestellen weit. Und langsam änderte sich das Bild, etwa wie in der „Hörnerschall“-Stelle zu Beginn des 2. Aufzugs von „Tristan“, die bei gleichem Tonmaterial fast unmerklich in das Rauschen eines Bächleins umschlägt, weil die Streicher das Motiv übernehmen. Unter die siegesgewiss heim- oder zu neuen Taten strebenden Einkäufer mischten sich immer mehr erwartungsvoll Klappstühle schlep- pende Menschen, die in Richtung des Bebel-Platzes strebten. Hatten sie anfangs noch ihre Last verschämt versteckt, wurden sie nun immer selbst- bewusster, zögerten nicht, ihren Besitzanspruch der kulturellen Mitte Berlins gegenüber offen zur Schau zu stellen. Der Strom schwoll und floss an den knurrend haltenden Autos vorbei, denen die gewohnten Fahrwege zugestellt worden waren.
Der Platz war locker gefüllt, als ich rund zehn Minuten vor Beginn eintraf, die Füllung sackte langsam nach vorn durch. Dort stand auch die über- dimensionale Leinwand, drapiert mit den Logos deren, die das Unterfangen gesponsert hatten. Aus der Menge ragten einige Türme hervor, von denen aus Kameras das Publikum auf dem Bebelplatz im Bild einfingen. Einen Augenblick lang war ich irritiert: Uns draußen wird das gezeigt, was die drinnen tun. So weit hatte ich begriffen. Aber wozu das Publikum abbilden? Um den Sängern zu zeigen, wer ihnen zuhört? Und wie man das tut? Aber offenbar ist die Entwicklung der public-viewing-Kultur noch nicht bis zum interaktiven Medium vorangeschritten (public viewing 2.0). Man begnügte sich damit, dem Publikum draußen über die Großleinwand zu zeigen, wie es sich selbst, das Publikum draußen, betrachtet.
Erst in der ersten Pause (von 30 Minuten!) fand das mediale Geplänkel zu einer neuen Qualität: Dem Volk (draußen) wurde vorgeführt, wie sich die Wohlbetuchten und Wohlgestalteten (drinnen) in der Opernpause verhalten: lebhaft plaudernd, lachend, essend, die Digitalkamera (product placement!) ausprobierend, in der Nase bohrend, sich den Scheitel kratzend, Ohren reibend, gähnend. Nicht sehr herrschaftlich jedenfalls. Niemand wirkte erschüttert angesichts der tragischen Verstrickungen auf der Bühne. Gut nur, dass die Kamera lediglich die oberen Körperpartien einfangen konnte. Auffällig war, dass im Innen-Publikum Männer zwischen 30 und 40 Jahren im Business-Look überwogen, vermutlich die Sponsoren-Vertreter. Aber so ganz sicher bin ich immer noch nicht, ob nicht denen im Gegenzug vorgeführt wurde, wie wir, das Volk, die Bockwürste verschlangen, den Senf dabei auf die Hosen kleckernd, und unser Bier hinunterstürzten. Jedenfalls hat sich in dieser Zweiteilung der Aufführung für die Betuchten und das Hartz IV-Publikum (Experten sprechen bereits von der Zweiklas- sen-Oper, so wie einst vom Dreispartenhaus) der seinerzeitige Zeitgeist der Oper aufs Eindrucksvollste manifestiert.
Es waren keine Sitze aufgestellt, auch Plätze waren nicht markiert. Jeder hatte also für sich selbst zu sorgen. So soll es früher übrigens auch in der Oper zugegangen sein, der König und seine Schranzen hatten ihre Logen, der Rest musste im Parkett stehen. Ich platzierte mich irgendwo im Mittel- feld, seitennah, um mir eine Fluchtoption zu erhalten. Um mich herum etwa fünf Damen vom Typ Wilmersdorfer Witwen, opernmäßig ausstaffiert. Hinter mir hörte ich Russisch, vor mir balancierte eine Frau zwei Riesenbockwürste mit reichlich Senf durch die Reihen und fuhr dabei eine ältere Dame auf englisch an, was sie sich eigentlich dabei denke, so dicht an die vor ihr Sitzenden aufzuschließen. Wie solle man denn da durchkomme. Als die Angefahrene nicht reagierte, fragte die andere aggressiv nach, in welcher Sprache sie eigentlich angesprochen werden wolle. Als die darauf verschüchtert in sich hinein murmelte: „Greek“, bekam die Englisch- sprechende einen Lachanfall und schob, die Würste blancierend, weiter.
Weiter hinten, im letzten Drittel, hatten sich die Picknicker breit gemacht, Decken ausgelegt, den Inhalt ihrer Körbe aufgestellt. Sie schritten alsbald zur Tat. Viele hatten eigene faltbare Sitzmöbel mitgebracht, die offenbar eigens für solche Zwecke konstruiert worden sind. Einerseits ließen sie sich auf ein erstaunlich kleines Maß zusammenfalten (größerer Regenschirm), andererseits boten sie ein Höchstmaß an Komfort: so etwa Lehnen, in die Aussparungen eingebracht waren zum Abstellen der Getränkebecher. Scheint inzwischen eine florierende Branche zu sein, die Outdoor-- Event-Ausstattung. Wer so etwas nicht besaß, musste entweder stehen, auf dem Boden sitzen oder sich einen solcher Luxus-Klappstühle für zehn Euro leihen.
Überrascht war ich auch von der Routine, mit der die Veranstalter wie auch das Publikum den Regenschauern begegneten: Es wurden massenweise und kostenlos Plastik-Umhänge verteilt und angenommen. Beim Versuch, diese anzulegen („Ich find das Loch nicht!“ „Bei mir sind drei Löcher!“) brach das Publikum in eine kollektive Gymnastikeinlage aus, die an das Ballett der Rheintöchter erinnerte, so dass Isoldes Versuch, den zurückhaltenden Tristan in die Finger zu bekommen, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgte. Als die Wellen des milchig-transparenten Kapuzenballetts allmählich abebbte, hatten die beiden bereits den Liebestrunk geschluckt, und niemand im Publikum wusste genau zu sagen, wie es dazu eigentlich hatte kommen können. Mein Opernführer hatte mich mit der Aussage: „durch Pfusch des pharmazeutischen Personals“ eher im Unklaren gelassen. Na ja, ist halt ein alternativer Opernführer.
Viele nahmen den Regenschauer zum Anlass, die Flucht zu ergreifen. Einige hatten das bereits nach den ersten Takten getan. Ich habe mich da gefragt, was die wohl erwartet haben mögen. Hatten sie vielleicht gedacht, Wagner sei so etwas wie ein Herbert Grönemeyer des 19.Jahrhunderts? Ich selber hielt es bis zum Ende des 2.Aufzugs aus, in der Pause danach machte ich mich auf die Socken heimwärts. Es war einfach zu kalt und Decken wurden nicht ausgeteilt. Bibbernd erreichte ich die wie immer gut aufgewärmte, miefige S-Bahn. Am Zielbahnhof ging es mir schon wieder besser.
Schade nur, dass ich so den 3.Aufzug versäumte, denn der gehört zu dem Schönsten, was Wagner geschrieben hat. Aber was soll’s, ich werde ihn wieder hören können. Etwas anderes hat mich nachhaltiger verstört: „Musik für alle“ wurde angesagt, doch es war Musik für die Wenigen im Haus und für die Vielen außerhalb. Sie vermochten nicht zusammen zu kommen, das Wasser war viel zu tief. Warum tut man demokratisch, wo man doch tatsächlich aristokratisch-feudalistisch ist? Vielleicht kann das BMW als Hauptsponsor erklären.