Dessau ist unter den deutschen Städten eher eine kleine, eine Randfigur. Einige wenige Glanzlichter ragen aus der biederen Silhouette der Stadt auf, der Rest geht auf im Enheitsbrei.

In einem um Dessau bemühten Restaurantführer lesen wir:


16. Bistro Merci

Platz 14 von 38 in Dessau-Roßlau Lieblingsrestaurant (1) RK-Punkte 16,00 Am Lustgarten 6, 06844 Dessau-Roßlau, Innenstadt Tel: 0340 2211175 Küche: französisch, deutsch, mehr »

Kritik schreiben steher (1) schrieb am 24.02.2012: Das Bistro liegt bequemerweise gleich in der Nähe zum Rathausmarktplatz und wirkt zwar leicht schlicht, aber einladend und freundlich. Man wird nicht mit lauter Musik penetriert und die… mehr »


Die Glanzlichter: 1. Bauhaus 2. Umweltbundesamt 3. Kurt Weill 4. Junkers Motorenwerke

Das Bauhaus ist heute eine provinzielle Fachhochschule, die das Privileg besitzt, die originalen Bauhaus-Gebäude nutzen zu dürfen. Die Verdienste liegen zeitlich in der Vergangenheit, örtlich in den zahlreichen Folgeeinrichtungen im In- und Ausland.

Das Umweltbundesamt wurde gegen den offenen Widerstand der Mitarbeiter nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (vulgo: BRD) nach Dessau zwangsumgesiedelt. Die sollten schließlich auch was von den „blühenden Landschaften“ abbekommen. Doch noch heute pendelt die Mehrzahl der Belegschaft, Tag für Tag. Auch das kann man als Abstimmung mit den Füßen im Sinne von Axel Springer sehen. Das neu errichtete Umweltamt-Gebäude ist sehenswert, doch die Mitarbeiter sind keine Architekten.

Kurt Weill wurde in Dessau als Sohn des jüdischen Kantors der dortigen Gemeinde geboren. Als er 18 wurde und das Abiturzeugnis in der Tasche hatte, trieb ihn das kalte Grauen vor einem Leben in Dessau nach Berlin. Dessau hat er nie wieder betreten. Daran waren aber auch die Nazis Schuld, die meinten, ohne Weill auskommen zu können. Der machte dann seine Weltkarriere außerhalb seiner Heimatstadt.

Die von Hugo Junkers (1859-1935) gegründete Flugzeugmotorenfabrik wurde 1936 von den Nazis verstaatlicht. Sie ist der Grund für die besonders heftigen Luftangriffe der Alliierten gegen die Stadt und ihre nahezu vollständige Zerstörung.

Das reichte nicht aus, um in der Top-Liga der deutsche Städte mitzuspielen. Da hatte jemand eine Idee: Alle die oben genannten Minuspunkte wurden irgendwie gebündelt, um daraus ein höchst lebendiges Festival der Musik des frühen 20 Jahrhunderts zu generieren. Man bediente sich des berühmten Sohns der Stadt als Galionsfigur, des Bauhauses als zentraler Spielstätte, des Motorenkonstrukteurs und der von ihm bei den Alliierten erzeugten Furcht als Triebfeder für die Zerstörung und schließlich des Umweltbundesamts als Garant für ein auch politisch sauberes Deutschland.

Den Umweltbeamten wurde aber noch ein zweites strategisches Ziel mit auf den Weg gegeben: sie, die zur Bildungselite zählten, sollten sich dort niederlassen, um den kulturellen Humus eines neuen Dessau zu generieren. Auf diesen Schneisen kultureller Infrastruktur sollte dann das internationale Publikum wandeln können. Das fing bei der Gastronomie an und hörte bei dem Rotlichtbezirk noch nicht auf. Man sollte meinen, dass so viele gut verdienende Menschen (Bundesumweltamt) der einheimischen Gastronomie solange Dampf unterm Hintern machen würde, bis die was Anständiges zum Essen rausrücken werden.

Doch das Gegenteil geschah: Das einzige annehmbare Restaurant mit elsässisch-französischer Küche, der einzige Lichtblick inmitten der Schnitzel-Pizza-Döner-Tristesse (wenn das so weiter geht, wird man sushi bald auch dieser Kategorie zurechnen müssen) war dem Dessauer Alltagsgeschmack nicht auf Dauer gewachsen. Anders gesagt: Man kann nicht tagaus, tagein Eintopf kochen um dann in zwei der Wochen des Jahres feine französische Küche zu zelebrieren. So bleibt dem Festspielgast auch heute nichts anderes als die Flucht nach Berlin – wie einst Weill.

Vor diesem Hintergrund muss man die eingangs wiedergegebene Gastrokritik eines offenbar Dessauer Bürgers werten.