Ursprünglich, also etwa bis zum Beginn der Renaissance, hatten die Künstler die Aufgabe, den Kommunikationsraum zwischen Gott und den Menschen zu gestalten, akustisch (Musik), visuell (Gemälde, Ausstattung) und auch sprachlich (?). Ihr Aufgabengebiet erweiterte sich, als die Fürsten begannen, sich selber als Gott gleich zu begreifen und nach einer entsprechenden Ausstattung und Gestaltung ihres Aktionsraums verlangten.

Die Französische Revolution, die das Bürgertum als neuen Stand etablierte und an der Herrschaft teilhaben ließ, fand zwar erst 1791 statt, doch bereits ein halbes Jahrhundert zuvor begann der Boden unter den Füßen der absoluten Herrscher zu schwanken. Künstler reagieren auf derartige seismischen Unruhen mit besonderer Sensibilität, ist es für sie doch eine existentielle Frage.

So waren unter den Musikern beispielsweise noch Bach oder Haydn Angestellte ihrer Fürsten, auch Mozart anfangs, der unter dieser Abhängigkeit gelitten hat. Erst Beethoven ließ sich auf derartige Bindungen gar nicht erst ein, setzte sich als Freischaffender auf dem Markt durch. Dass er damit im Trend der Zeit lag, zeigt sich anhand der explosionsartigen Geschwindigkeit, mit der sich dieses neue Berufsbild gesellschaftlich ausbreitete.

Im 19 Jahrhundert, dem romantischen, eroberte sich der Künstler, vor allem der artistisch-extrovertierte, einen zentralen Platz in der bürgerlich- aristokratischen Übergangsgesellschaft, zu deren Liebling er wurde, auch wenn er sein Werk nicht mehr (nur) in den Dienst anderer stellte (Gott, Fürst), sondern vielmehr sich selber zelebrierte.

Solche Selbstdarstellung ist ein Hochseilakt, bei dem die abstürzen, die das Gewicht zu sehr auf die eigene Person fokussieren. Und genau an diesem Punkt setzt die gesellschaftlich Marginalisierung des Künstlers, seine Metamorphose zum Bohemien ein.

War bis zum Ausklang des 19. Jahrhunderts die Harmonie von Kunst und Realität oder Natur Basis der Akzeptanz von Kunst in der Gesellschaft, so wurde diese Übereinstimmung durch eine Reihe von Entwicklungen mit dem Anbrechen des neuen Jahrhunderts hinfällig: Die naturgetreue Wieder- gabe eines Objekts erledigte nun die Fotografie weitaus verlässlicher, die Musik wandte sich von der angeblich naturgewollten Ordnung der Töne zunehmend ab (nicht zuletzt unter dem Eindruck fremder Musikkulturen), und die Sprache erweiterte ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu Lasten der syntaktischen Korrektheit. Kurzum, die Kunst entfernte sich immer mehr von den herkömmlichen ästhetischen Vorstellungen, sie scheute nicht das Hässliche, das angeblich „Entartete“. Denn ihr Ziel war es nicht mehr, das äußere Erscheinungsbild festzuhalten, sondern das innere Wesen der Dinge auszudrücken. Übrigens fanden die Nazis den Begriff „entartete Kunst“ bereits vor, wie so Vieles, was sie dann für ihre Interessen nutzten. Und die Idee war spätestens mit Oswald Spenglers Kassandraruf vom „Untergang des Abendlands“ geboren – auch wenn der dann gänzlich andere Bahnen einschlug. Das Europa, das untergehen sollte, war bereits ein hohler Zahn, dass es Platz machte für ein anderes, ist daher nicht ohne Verdienst. Auch dass solche Wechsel normal sind, hätten Kulturpessimisten wissen können, ebenso dass diese meist nicht ohne größere Verwerfungen vonstatten gehen.

Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts also gingen immer mehr Künstler in Konfrontationsstellung zu den etablieren Kräften. Ihre Verweigerung gehört seither zum Selbstbild eines jeden „anständigen“ Kreativen, sieht man einmal von den willfährigen Künstlern in Diensten totalitärer Regimes ab.

Der Bohemien nimmt eine doppelte Anti-Haltung ein: Er setzt sich über die geltenden ästhetischen Normen einer Gesellschaft hinweg, die er einerseits provozieren will, doch in der Ablehnung durch diese Gesellschaft findet er seine Anerkennung.