Ich bin bekennender Klassik-Freak, „Klassik“ im Sinne von „ernster Musik“, auch: E-Musik“. Unter dieser ist es vor allem die Musik des 20. Jahrhunderts, die es mir angetan hat. Wenn man mich fragte, welchen der „modernen“ Komponisten ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, es gäbe für mich nur einen Namen: Schostakowitsch. Schostakowitsch hat es nicht leicht gehabt, hat alle Brüche und Verwerfungen der jungen Sowjetunion durchleiden müssen bis hin zur inneren Erstarrung der Stalin-Zeit und der Orientierungslosigkeit nach dessen Tod.
Doch es scheint, er werde immer populärer. Dieser Tage hat das renommierte Mandelring Quartett sämtliche 15 Streichquartette des Meisters nicht nur eingespielt sondern sie sogar öffentlich zu Gehör gebracht: an zwei aufeinander folgenden Tagen in sechs Konzerten – der helle Wahnsinn! Und keine Sekunde langweilig.
Kostenlos gab es ein kleines Programmheft obendrein, in dem man nachlesen konnte, was einem gewissen Herrn Michael Struck-Schloen beim Hören dieser Werke so alles auffällt. Da schäme ich mich doch ein bisserl meiner beschränkten musikalischen Empathie.
Beispielsweise wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, die Tonart Fis-Dur könne „versöhnlich“ sein! Herr Struck-Schloen aber weiß dies, sonst hätte er ja niemals in dem Programmheft schreiben dürfen, um uns Laien zu sagen, was Sache ist. Und irgend jemand trägt dann auch die Kosten. Damit wir Laien uns fortbilden können.
Und was der Herr mit dem Stolperstein-artigen Doppelnamen alles weiß! Nur mal eine kleine Auswahl:
– „verklärte G-Dur-Reinheit“
– „leichter, aber keinesfalls naiver Tonfall des G-Dur-Quartetts“
– „versöhnliches Fis-Dur“ (hatten wir schon)
So werden die Tonarten der Reihe nach in Zellen emotioneller Befindlichkeit gesperrt. Was soll`s, wird manch Leser jetzt denken, haben die alten Griechen ja auch gemacht. Schon, aber – so muss ich erwidern – mit einem Unterschied: die Griechen kannten keine Wohltemperiertheit, sondern nur „reine“ Tonarten! Wie aber soll man Verklärung in einem temperierten, nicht reinen System ausdrücken?
Falls Fis-Dur einen eigenständigen Charakter hat, dann meinetwegen, mag man den verklärt nennen. Wenn aber der Abstand der Töne einer Skala „rein“ ist, wo soll dann das Besondere wesen?
Überhaupt ist die Musik in den Ohren des Herrn Struck-Schloen voller Überraschungen:
„Die Unschuld des Hauptthemas will sich in der Reprise kaum wieder einstellen […]“ Das ist normal, Herr Struck-Schloen, möchte man ihm zurufen, mehr noch: die Unschuld muss man nach der ersten Benutzung abschreiben, sie stellt sich nie ein zweites Mal ein. Und wenn, so sollte man sehr skeptisch sein.
Was passiert noch alles bei Schostakowitsch? Allerhand, etwa „fahle Ergebenheit“, „fahle Beleuchtung“, „[ein] lapidar herabflatterndes Thema“, „[das] grelle Neonlicht einer Fuge“, „Walzer von totenbleicher [= fahler?] Eleganz“. Schließlich kommt es – fast haben wir es befürchtet – zum „autobiografischen Konflikt zwischen Individuum und Herrschaft“.
Wir sind nahezu durch, da kommt noch eine faustdicke Überraschung: „[…] erst der 4.Satz verbirgt konzentriert Autobiografisches“, Denn D[imitri] Sch[ostakowitsch], gesegnet mit einem in Klang umsetzbaren Namenskürzel (D-S-C-H) wie vor ihm nur B-A-C-H, hat dank dieses Motivs „seine eigene Person semantisch eindeutiger ins Spiel gebracht“. Allerdings trete das Namensmotiv im Schluss-Largo „fugiert“ auf.
Ich habe mit meinem Fliesenleger gesprochen. Er meint, es müsse „verfugt“ heißen.