Ich sitze in einem Hochgeschwindigkeitszug und gleite durch die deutschen Mittelgebirge. Mit leerem Blick denke ich darüber nach, ob ich beim Einbürgerungstest die Namen dieser Hügel gekannt hätte. Gerade wollte ich diese Frage von der Agenda streichen und zum Mittagsschlaf übergehen, da peitscht ein Klingelton durch die schwere Luft im Großraumwagen.
Es ist nicht meiner. Der ist zwar auch nichts für zarte Ohren, doch der jetzt die Stille demoliert, ist von weitaus größerer Banalität. Irgend so ein vorfabriziertes akustisches Firmenlogo. Meiner ist von Strawinsky
Der Mann schräg gegenüber zuckt kurz zusammen und streckt dann wie in Trance die rechte Hand zum Tisch hin aus, wo sich eine kleine dreidimensionale Collage aus Reiseutensilien aufgeschichtet hat. Er wühlt sich durch die Isometrien und stößt schließlich auf das lärmende Objekt. Er zieht es hervor und setzt es auf die Nase – die Brille.
Gerade will er sich wieder zurück in die Reset-Position fallen lassen, da hebt die Klingelei erneut an. Sein Nachbar, der bereits die erste Klingelattacke mit wachsender Unruhe verfolgt hatte, zeigt nun energisch mit dem rechten Zeigefinger auf das Handy. Der Andere nickt und setzt das Gerät an. Doch der Klingelton bricht ab, das Gespräch ist beendet, noch ehe es stattgefunden hat.
In der alten polnischen Königsstadt Krakau (Kraków) erzählt man sich von einem Tatarenangriff irgendwann im Sptämittelalter. Der Wachposten auf der Marienkirche blies Alarm, als er die Horden bemerkte. Doch ein Pfeil der Heranstürmenden traf ihn am Hals, er starb. Den letzten Ton hatte er nach oben verrissen, er knickte ins Leere. So wie der Klingelton meines Gegenüber.