Seit es Computer gibt, die sprechen können, nervt jene Frauenstimme, die ihre Botschaft, und sei sie noch so banal, wie von Fanfaren getragen in den Äther schmettert. Etwa beim Hinweis auf Internetseiten zu einem gerade angesprochenen Thema: „Und wenn Sie noch mehr wissen wollen zu - ...es folgt das jeweilige Thema -, schauen Sie unter … nach.“
Wie rechtfertigt sich eigentlich diese Euphorie in der Stimme, dieses Triumphgeheul? Dieses lässige Wippen mit den Stimmbändern, wie bei einem Boxer, der erst scheinbar nachgibt, um dann zum entscheidenden Schlag auszuholen. Doch wer ist der Gegner? Die herkömmlichen Medien, denen man eins ausgewischt hat?
Schwer zu sagen, was die Produzenten solch informationeller Klingeltöne sich dabei gedacht haben. Doch sie könnten sich um etwas mehr Vielfalt, dem jeweiligen Thema angemessen, bemühen, um den Hinweis nicht wie die Real-Discount-Werbespots klingen zu lassen: „Und wenn Sie Ihren Kaffee gern stark trinken – wir haben auch Hanteln.“
An ihren Klingeltönen sollt ihr sie erkennen. Abgesehen von der Kleidung, auch outfit genannt, gibt es kaum einen Bereich der Selbstdarstellung, der uns einen ähnlich tiefen Blick in die Seele unserer Mitmenschen werfen lässt. Weht also vom Handy deines Nebenmenschen eine bestimmte Melodie herüber, weißt du, welch Geistes Kind er ist. Meist ist es Kitsch, was an dein Ohr dringt, Endprodukt eines Vorgangs, den einst unser Kunstlehrer am Gymnasium als „Seelenblähungen“ zu bezeichnen pflegte.
Ich sitze in der Berliner U-Bahn. Von irgendwoher schwebt eine sanfte Fagottmelodie durch den ratternden und quietschenden Zug. Ich zucke innerlich zusammen. Die erste Phrase wird wiederholt, – aber so steht das doch nicht in Strawinskys Partitur! Die innere Anspannung wächst, denn die Melodie erklingt erneut. Dann atme ich entspannt durch, – es ist ein Klingelton!
Strawinskys Anfangstakte aus „Le Sacre du Printemps“ als Klingelton! Wer ist so kühn, gegen den Mainstream elektronisch generierter Signalmelodien zu schwimmen und dazu noch im Piano? Bewundernd schaue ich mich um. Die Melodie ertönt erneut, doch niemand reagiert.
Da zupft mich ein kleiner Junge an der Jacke: „Onkel, dein Handy …“. Mein Gott, wie hatte ich das vergessen können! Habe ich mir doch kürzlich mit sehr viel Improvisationsgeist (nicht -talent!) bei zeitgleicher technischer Unbedarftheit einen alten Traum erfüllt und das berühmte Fagottsolo des Skandalstückes aus dem Jahr 1913 auf mein Handy, das jetzt Smartphone heißt, gefriemelt. Doch dann hat mich niemand angerufen und ich habe den ganzen Vorgang irgendwie vergessen. Bis der Junge zupfte.
Bei der Uraufführung in Paris haben sich die Zuhörer noch Notenrollen, Zeitungen und Regenschirme um die Ohren gehauen. Heute fällt das Stück durch seine Sanftheit auf. Sic transit gloria mundi.
Als Klingelton übrigens völlig ungeeignet, lädt es doch eher zum Träumen als zum Handeln ein: Verweile doch, du bist so schön!”