Pünktlich zu Beginn der Winterzeit strahlt der „Tatort“ seine eintausendste Folge aus. Sollte es einer nicht wissen: Es handelt sich um die Lieblings-TV-Sendung der Deutschen, mit mindestens einem/r Toten und jeder Menge Einsichten in die psychische Befindlichkeit der Deutschen.
Moment, da habe ich vielleicht etwas zu schnell geschossen: Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich einen frühen „Tatort“ ganz ohne Tote(n) gesehen. Es war für mich zugleich der beste. Ich kann mich nicht mehr an Titel und Plot erinnern, aber es ging um einen Drucker, der durch Intrigen aus der Berufslaufbahn flog und sich nun an der Gesellschaft dadurch rächte, dass er Geldnoten fälschte, die nur deshalb auffielen, weil er den auf die Noten aufgedruckten Hinweis auf die Strafbarkeit von Fälschungen manipuliert hatte. Hier das Original:
WER BANKNOTEN NACHMACHT
ODER VERFÄLSCHT
ODER NACHGEMACHTE ODER VERFÄLSCHTE
SICH VERSCHAFFTUND IN VERKEHR BRINGT
WIRD MIT FREIHEITSSTRAFE
NICHT UNTER ZWEI JAHREN BESTRAFT .
In diesen gedruckten Text oder andere Textfelder hinein wurden einzelne Wörter oder Ausdrücke mit der Hand verändert: Kommissar Brauchle erwähnt in diesem Zusammenhang eine andere Serie, die „Stuttgarter Blüten“. Diese 100-DM-Fälschungen sind nicht gedruckt, sondern gemalt (!) und haben absichtliche Fehler, wie „Deutscher Fußballbund“ oder „Deutsche Bundesbahn“ statt „Deutsche Bundesbank“, „Hundert falsche Mark“ statt „Hundert deutsche Mark“, oder „Wer Branntwein nachmacht“ statt „Wer Banknoten nachmacht“. Von dieser Serie tauchten nie mehr als zwei Hunderter im Monat auf, das aber über 8 Jahre. (nach Wikipedia „Tatort, Stuttgarter Blüten“)
Dieses Krimi-Format schaffte es, den Status einer Kultsendung zu erlangen, die Deutschland nicht nur als Land des Mords und Totschlags auswies, die vielmehr auch das sonntägliche Fernsehverhalten breiter Kreise des deutschen Volks und seiner deutschsprachigen Nachbarn beeinflusste oder gar bestimmte. Das Goethe-Institut soll in seinen Sprachkursen “an (sic!) Ausländer“ sogar auf „Tatort“-Filme als Lernmittel zurückgreifen, wie mir – wenngleich unter Zeichen deutlicher Missbilligung – Kursteilnehmer berichtet haben.
Es gibt heute in Deutschland kaum ein derart prägendes Sonntagsritual wie die „Tatort“- Ausstrahlung, auch über Grenzen des Alters, der Weltanschauung oder der kulturellen Wurzeln hinweg. Ihr wird der Tagesablauf, manchmal sogar mehr, unterworfen
So könnte man zu dem Schluss kommen, dass der „Tatort“ nicht nur zur Harmonisierung der Gesellschaft beiträgt, sondern auch die Gestaltungshoheit über das Wochenende den (christlichen) Kirchen entzogen hat.
PS: Nicht alles, aber doch eine ganze Menge hat mich getäuscht. Der Drucker war zwar nicht der Hauptdarsteller, aber doch der heimliche Star: Er fälschte die Banknoten bewusst dilettantisch, um die Polizei auf ein Kapitalverbrechen aufmerksam zu machen. Außerdem galt er als Volksschauspieler. Und Tote gab es auch, zwei. Doch irgendwie drehte sich alles um Willy Reichert, den Volksschauspieler. Und die Kriminellen waren überhaupt nicht mehr die zentralen Figuren.