Tauben sind die wohl meistgehassten Tiere unserer europäischen Fauna. „Ratten der Lüfte“ werden sie abfällig genannt Dabei haben sie mit den Ratten der Kanalisation wenig gemein. Letzteren ermangelt es der Grazie des trippelnden Gangs, der Beiläufigkeit, mit der sie ihr sexuelles Geschäft (oder den sexuellen Tauschhandel) betreiben oder der Ausdauer, mit der sie ihrem Reinigungsauftrag (wohin sonst mit den Krumen der Wohlstandsgesellschaft?) nachkommen. Es gibt Menschen, die vermeinen, aus ihrem eher monotonem Gesang („Gurre-Lieder“) sogar eine tiefe Neigung zur Kontemplation heraushören zu dürfen.
In diesen sommerlichen Morgen wache ich manchmal früh, sehr früh auf. Während ich darüber nachsinne, ob besser „aufste´n oder ruh´n“ (Puschkin), verlasse ich unbemerkt, geschuldet aber der gedanklichen Anstrengung die nächtliche Hemisphäre. Ich gehe in den Garten, zupfe hier ein Kraut, pflücke dort eine Beere – unversehens befinde ich mich in ernsthafter Arbeit.
Das Schnarchen der Nachbarn stört mich nicht weiter, und so kann ich mein Hörerk-ennungs-Equipement ungestört auf die Kommunikation der Tauben richten. Natürlich sind „unsere“ Tauben in Steglitz was Besseres, keine Ratten oder so, Und sie unterhalten sich in einem vornehm-diskreten Tonfall, der Lust macht aufs Hinhören.
Dabei fällt zunächst auf, dass sich alle Teilnehmer des morgendlichen Chat ein und desselben rhythmisch-melodischen Musters bedienen. Wollen sie damit vielleicht zum Ausdruck bringen, dass es eigentlich nichts Neues gibt? Dieser cantus firmus geht etwa so (natürlich gibt es individuelle Varianten, die aber zunächst hinter der Gleichförmigkeit verschwinden. Hier der Prototyp des Basis-Song, bei der ich mich mangels eines Notenschreib- programms einer Hilfsnotation (s.u.) bediene:
xx Z / x.x:Y
xxx Z / x.x:Y
xxx Z / x.x:Y
Und dann die Überraschung: die folgende Strophe endet mittendrin:
Xx /Generalpause/ (s.u.)
Die Symbole:
x = Grundton, Länge ca. eine Viertel Note
x.x=punktiertes Achtel mit angehängtem Sechzehntel, (zusammen: x) Z = Ton unterhalb von x
Y = Ton oberhalb von x
Der Intervallabstand von x zu Y beziehungsweise x zu Z scheint individuell unterschiedlich zu sein, während das zugrunde liegende rhythmische Muster kaum Abweichungen erfährt. Während ich noch darüber nachdachte, wie so eine Kommunikation funktionieren kann, kam mir die Idee, dass es die Melodik ist mit ihren variierenden Intervallen, oder genauer: die unterschiedlichen Tonschritte, die die Botschaft transportieren, und nicht das rhythmische Korsett, in das sie eingefasst ist. Halt so wie beim Rap.
Bleibt noch die Frage nach dem Sinn des Abbruchs, noch ehe die rettende Tonika erreicht wird. Dieses Charakteristikum machte mich überhaupt erst auf das Taubengesprächs an sich aufmerksam. Und ich erinnerte mich an das heroische Trompetensolo des Wachhabenden auf den Türmen der Marien-Kirche (Kościół Mariacki) in Krakau, der den anstürmenden Feind erblickte und blies, was das Zeug hielt, aber noch vor Ende des Signals vom gegnerischen Pfeil getroffen wurde und ersterbend den letzten Ton nach oben verriss. Heute blasen dieses „Hejnał“ genannte Signal Profis, sie verreißen den Ton auch ohne Feinde, nur für Touristen. Und um 12 Uhr kann man dieses Signal auch im Radio als Zeitzeichen hören, neben der Nationalhymne ein weiteres nationales Symbol.
Was das mit den Tauben zu tun hat? Genau das habe ich mich auch gefragt! Vielleicht unterhalten sie sich gar nicht über Banalitäten (worauf die Monotonie ihrer musikalischen Ressourcen hinweist), sondern zelebrieren ein täubisches Narrativ? Jeden Morgen Heldengedenken. Gedenken der Helden im Vernichtungsfeldzug durch die bezirklichen Ordnungsämter – das hätte doch was!