Angela Merkel ist bekannt für ihre Fähigkeit, Textbausteine aneinander zu fügen. Auch wenn derartige Sequenzen leicht zur Sinnfreiheit tendieren –, die Kanzlerin ist bislang gut damit gefahren. Kaum einer ihrer Vorgänger ist so wenig von der sogenannten Tagespolitik in der Amtsführung beein- trächtigt worden wie sie. Während sich Wulff hier im Lande um Kopf und Kragen lügt, reitet sie als Finanzsünder-Racheengel quer durch Europa, demnächst wohl sogar allein. Haben sich doch neuerdings die Rating-Ratten in ihren Sancho Pansa Sarkozy verbissen.

Nun aber hat sie sich auf ein wenig stabiles Terrain begeben: den Tabu- bruch. Befragt, wie sie in der Sache Wulff weiter verfahren wolle, ant- wortete sie: Sollte es neue Fragen geben, müssten diese neu beantwortet werden. (Für die zweimalige Verwendung des Wortes “neu“ sowie zumindest des ersten Konjunktivs – “sollte“ – verbürge ich mich, der Rest der Auskunft kann leicht abweichende Formulierungen aufweisen. Interessanterweise werden solche brüchigen Aussagen in den Internet- auftritten der Sender oft ausgeblendet.)

Dass Politiker auf neue Fragen neue Antworten geben ist neu. Vor allem für die westliche Teilnation, der Osten kannte gar keine neuen Frage. Wir hier in der alten Bundesrepublik waren es gewohnt, dass Probleme ausgesessen werden. Nur eine kurze Zeit lang keimte Hoffnung auf, es gebe sie, die neuen Antworten. Doch der Mann, der sie zu finden sich bemühte, wurde Opfer einer Geheimdienst-Intrige.

Nun also versucht sich Merkel in dieser Königsdisziplin. Doch so recht mag man ihr nicht trauen. Die Furcht sitzt tief, am Ende kämen dabei doch nur neue Lego-Konfigurationen heraus. Auch das ist ja eine Form des Aussit- zens. Kohls Schule halt.