Unsere Sprache wird immer reicher. Bestehende Wörter erhalten neue Applikationen, wie etwa „Format“. Unter manchem Foto in der Druckpresse ( das sind Printmedien) steht „Still“. Früher nannte man so etwas „Standfoto“. Aber das ist wohl zu bieder
Andere Wörter werden aufgewertet, oder sollte ich sagen: aufgemotzt? Befrachtet mit Beigaben, die sie sexyer (wie schreibt man das eigentlich?) machen sollen. Ein solcher Fall ist die „japanische Ritualtrommel“, auf die ich zuletzt dank der CD-Tipps des Inforadios stieß. Was aus dem Fernen Osten kommt, erscheint uns an sich schon mystisch umwölkt, wir verspüren das Bedürfnis, dieser Aura auch sprachlich Ausdruck zu verleihen. Trommeln allein tun es nicht, sie müssen in einer geheimnisvollen Verbindung zu irgendeinem Ritual stehen. Zu welchem, wird nicht verraten, aber was soll’s, im Osten ist ja alles irgendwie Ritual, weiß doch jeder.
Kürzlich erst fand ich in der Besprechung einer Ausstellung („Katachi – Die leise Form aus Japan“) die Behauptung, „in dem Wort [katachi = Form, Gestalt] schwingt auch der – manchmal rituelle – Umgang mit den Dingen mit“. Man hätte gern Näheres gewusst, erfährt es aber nicht. Es genügt ja, dass der Ritus in Japan allgegenwärtig ist. So wird es sicher nicht mehr lange dauern, bis uns Ritual-Hybridwagen von Toyota begegnen (bei denen auf mysteriöse Weise das Gaspedal immer tiefer in den Boden sinkt, um den Fahrer mit nahezu 150 km/h in das Finale seines Lebens zu befördern). Oder wir werden nicht mehr einfach Sushi essen, sondern einem rituellen Reismahl beiwohnen. Untermalt von Geräuschen rituellen Tellerwaschens.
Ich werde die Ohren offen halten, um noch viele dieser Versuche zu orten, unser Leben reicher, wertvoller zu machen, es aus dem schnöden Alltag herauszulösen. Oder einfach nur diesen Alltag besonderer, wichtiger zu machen.
Gentrifizieren nennt man das Vorhaben, etwas zu veredeln. Wenn aber alles gentrifiziert ist, was kommt dann?