Basel liegt am Rhein. Der Rhein ist dort schon ziemlich breit, doch er ist noch nicht schiffbar. Das wird er erst jenseits der letzten Stadtbrücke. In diesem Abschnitt des Flusses, dem letzten also vor dem Erwachsenwerden (oder wie man heute im Feuilleton sagt, das es ja nun bald nicht mehr geben soll: coming of age), wird seit 32 Jahren jeweils am 14. August ein Zeremoniell dargeboten, bei dem anfangs wohl nur Hunderte, inzwischen Tausende von Vereinsschwimmern den Rhein flussab beschwimmen, gut bewacht von allen nur erdenklichen Hilfs- und Schutzorganisationen.
Weil die Nachfrage das Angebot aber erheblich überbot, wurden Zusatztermine für jeweils 65 Zukurzgekommene eingerichtet: ein Tropfen auf den heißen Stein. Und so kam, was kommen musste: Die Bürger traten über die Ufer. Und das um so mehr, als die Hitze in diesen Sommermonaten drückend auf der Stadt und ihren Bewohnern lag.
Und so machten sie sich auf: alt und jung, groß und klein, dick und dünn, Männlein und Weiblein, nicht ohne zuvor einen der trendigen Schwimmsäcke erstanden zu haben, in die man die Klamotten ebenso verstauen kann, wie Ersatzluft für den Fall eines Falles. Das was bis vor einigen Jahren nur wenigen organisierten Schwimmsportlern vorbehalten war, wird nun breit vergesellschaftet. Da nutzten auch alle Drohungen der Obrigkeit nichts, nichts ihr Flehen, oder das Verweisen auf die Unfallstatistiken: Das „Rheinschwimmen“ oder inzwischen schicker „Rhine swim“ in seiner illegalen Form avancierte zum Lieblingssport der Baseler. Das sieht in der Praxis so aus: Die Rhein-Schwimmer rücken an, besteigen den Fluss kollektiv oder nacheinander an einer bestimmten Stelle, um sich von der raschen Strömung durch die Stadt treiben zu lassen. Vom Ufer aus betrachtet (durch den überraschten Besucher, der natürlich seine Badehose vergessen hat) wirkt der Zug der Baseler wie ein etwas zu rasch eingestelltes Fließband, das Hokkaido-Kürbisse (die Schwimmsäcke) an ihm vorbeischlenzt. Diese Fahrt dauert dann bis zur letzten passierbaren Brücke an. Dann wird ausgestiegen und der Weg zurück zum Start per pedes bewältigt. So kommen dem Spaziergänger Tausende von Schwim- mern, teils erschöpft, teils fröhlich lachend entgegen. Wahrscheinlich gibt es in einer demokratisch geprägten Stadt wie Basel keine Statistiken, die uns verraten, wie häufig der Bürger durchschnittlich den Weg zurück gelegt hat. Das ist egal, hat hier nichts zu suchen. Der Spaß (auch an der Ordnungs- widrigkeit selbst) steht im Mittelpunkt.
Vom fragwürdigen, weil gefährlichen Lieblingssport der Baseler spricht die Lokalpresse, doch keinen Millimeter weicht der Schwimmbürger. Aber Moment mal: Sport? Wo bleibt da eigentlich der Sport? Denn flussab getragen werden die Schwimmer ja von der starken Strömung, zu tun brauchen sie eigentlich nichts, außer sich am Schwimmbeutel festzuklammern. Und der Rückmarsch zum Start kann es ja wohl auch nicht sein. Das ist mehr ein Spaziergang, wenngleich ein geschwindiger.
Da kommt mir die Erkenntnis: Das ist gar keine sportliche Betätigung, das ist eine Demonstration! Die Obrigkeit in ihre Schranken zu verweisen, darum geht es! Der Rest ist Maskerade.
Merke: Kein Anlass ist zu gering, um nicht für die Demokratie auf die Barrikaden zu gehen. Wenn dort, ganz unten, die Demokratie nicht anfängt zu tragen, wo dann?