Wir sind aufgewachsen mit der Vorstellung, Zeit sei Geld. Wer seine Zeit nicht effektiv einsetzt, macht keine lukrativen Geschäfte. Dabei kommt es nicht auf eine besondere Qualität der veräußerten Ware an, der Umschlag muss nur schnell erfolgen. Du musst schon über alle Berge sein, wenn der andere noch das Geld zählt.
Der kongolesische Film „Viva Riva“ zeigt uns (folgt man der Besprechung in der taz vom 12.3.2012, Seite 12.) eine andere Funktion des Geldes: Nur wer über finanzielle Potenz verfügt, vermag an der sexuelle Zirkulationssphäre teilzuhaben: „[…] das heißt […] aber auch, dass der, der nicht mehr flüssig ist, aus der sexuellen Zirkulationssphäre […] ausgeschlossen wird.“ Im Klartext: Sexuelle Potenz nützt gar nichts, wenn sie nicht in Geld oder einen entsprechenden Rohstoff übersetzbar ist. Im Zweifel zieht der Gigolo den Kürzeren.
Kurze Zwischenbemerkung: Das haben wir auch anders gelernt: Sex als Vergnügen der Armen, die sonst nichts hatten, um sich zu amüsieren. Das war zudem religiös unterfuttert, so dass man durchaus von Sex als Opium fürs Volk sprechen konnte. Sex war sozusagen gleichbedeutend mit Religion, was insofern Sinn macht, als die Reproduktion des Gottesbildes, heruntergebrochen auf die Individualebene, der Schöpfungsprozess im Kleinen also, lange Zeit wesentlicher Bestandteil der christlichen Religion war. Diesen Reproduktionsprozess galt es in Gang zu halten, selbst um den Preis der Täuschung und des „Samenraubs“ (durch Lots Töchter etwa), auf den sich auch Boris Becker berufen wollte. Dort, wo in dem obigen Zitat aus der Filmbesprechung die letzten Auslassungspunkte stehen, werden Beispiele genannt, unter anderen: „Cunnilingus durchs Gittertor“. Klingt erst mal gut, bis man sich daran macht, das ins Praktische zu übersetzen. Falls hier nicht eine Verwechselung mit Fellatio vorliegt – das kann in Zeiten sexueller Beliebigkeit ja schon mal passieren – dann erfordert ein solcher Akt ein hohes Maß an Artistik. Zumal das Gitter (je nach Beschaffenheit) den Weg eher noch verlängert, es so etwas wie einen vorgelagerten Festungswall bildet (ein später Reflex auf den mittelalterlichen Keuschheitsgürtel?), so dass der männliche Gespiele schon eine Zunge von der Art eines Chamäleons aufweisen müsste. Ich stelle mir diesen Akt ungemein unbequem vor, ja anstrengend auch, vergleichbar vielleicht nur dem spektakulären knee-trembler aus Frank McCourt`s „Angela`s Ashes“. Aber vielleicht schafft man es auf diese Weise ja ins Guinness-Buch der Rekorde?
Eine repräsentative Sammlung von Gittertoren mit semiotischer Deutung haben die Künstler Tempel und Kriegerowski vor einigen Jahren auf dem U2-Bahnhof Alexanderplatz in Berlin ausgestellt
Und umgekehrt? Was fiele wohl den Künstlern der umzäunten Gesellschaft zum Thema „Cunnilingus durchs Gittertor“ ein?