Schon sein meiner Jugend besuche ich Konzerte. Nein, nicht Rock-Veranstaltungen, die sich eigenartigerweise auch Konzerte nennen dürfen. Sondern öffentliche Vorführungen klassischer Musik. Und damit man von vornherein weiß, wer (Ausführende), wo (Ort), wann (Zeit) und was (Programm) einen erwartet, gibt es Poster (die früher Plakate hießen) oder in kleinerer Form auch Anzeigen.
Die haben sich im Lauf der Zeit nicht wesentlich verändert. Sie sind vielleicht etwas schicker geworden, doch die Informationen, die sie zu den W-Fragen enthalten, sind im Prinzip die gleichen geblieben. Manchmal noch garniert mit einem Foto und Lobhudeleien („der schnellste Pianist aller Zeiten“), doch jeder echte Kenner weiß, dass er zu Konzerten von Künstlern, die auf diese Weise wie Sauerbier angeboten werden, lieber nicht gehen sollte.
Die Welt der Klassik ist also noch weitgehend in Ordnung. Doch heute stieß ich auf eine Anzeige eines, – der Computer sträubt sich – , Konzerts im Radialsystem. Dieses ist eine neue (oder: aktuelle) eventlocation für E-Musik, die baulich recht interessant zu sein scheint. Doch ist sie mir zuvor bereits als Schickeria-location aufgefallen, etwa wenn dort Konzerte veranstaltet werden, denen man im Liegen zuhören kann.
Ich begrüße die Nutzung eines denkmalgeschützten Bauwerks der Industriearchitektur. Wenn da nur nicht diese furchtbar aufgeblasenen Kunstveranstalter wären. Lassen wir sie selber durch ihre Anzeige sprechen:
Ausgeführt wird „Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach“. Die Musik aber ist den Veranstaltern offenbar nicht genug. Es wird daher „in einer Inszenierung von NOVOFLOT“ aufgeführt. Das lässt Böses ahnen, zumal ganz oben in dieser Anzeige gedroht wird: „Fünf Räume, drei Etagen, 160 Künstler“. Das sind echte Totschlagargumente! Wer aber musiziert, wird leider nicht verraten. Nur soviel: „Für Sänger, Schauspieler, zwei Chöre (singen die nicht auch?), das Solistenensemble Kaleidoskop und die Free Jazz Formation Bauer 4“. Ich vermisse ein wenig das Orchester, das schien mir doch einigermaßen wichtig zu sein, aber vielleicht heißt das ja nun Solistenensemble und läuft auf drei Etagen in fünf Räumen umher. „Kaleidoskop“ ist laut Wahrig ein „Guckkasten mit bunten Glasstückchen, die sich beim Bewegen zu immer neuen, von einem Winkelspiegel vervielfachten Muster ordnen“. Man darf gespannt sein. Vor allem auf das Bühnenbild von den „Graft-Architekten“. Angesichts der XXL-isierung von Bach darf man sich wundern, wenn noch Plätze für das Publikum bleiben.
In sachlicher Hinsicht erfährt man immerhin, dass die Aufführungen zwischen dem 16. und 27.Dezember stattfinden. Das ist doch schon mal was. Dass nicht jeden Tag gespielt wird, ist da wohl nur nebensächlich. Es gibt ja noch das Internet. Wer singt und spielt, erfährt man dort aber auch nicht. Man muss also die Katze im Sack kaufen.
Mein Kunstlehrer in der Schule war mit einem sehr feinen Gespür für echte und falsche Töne in der Kunst ausgestattet. Von ihm habe ich gelernt, was in der Kunst „Seelenblähungen“ sind. Vielleicht sind die ja im Radialsystem, einem alten Pumpwerk der Berliner Kanalisation, ja durchaus gut aufgehoben.