Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle einige Erfahrungen und Beobachtungen über die Schnäppchenmentalität beim Discounter – genauer: beim Kunden des Discounters – nieder. Ich kam zu dem Schluss, dass die sozialistische Schlange im West fortlebt, nämlich beim Discounter. Dafür bin ich von Menschen, die mir lieb und teuer sind, arg gescholten worden. Aber was soll’s, was erwarten wir Blogger denn anderes? Dazu schreiben wir schließlich unsere unkorrumpierbare Meinung nieder. Ohne Schmäh kein Licht oder so ähnlich.
Mit einigem Abstand wurde mir immer klarer, dass nicht der Kunde mit seiner Bereitschaft, für etwas Unbestimmtes Stunden lang anzustehen, das sozialistische Spurenelement im Kapitalismus ist, vielmehr ist es das System der Schnäppchen. Der Kunde reagiert nur im Reflex.
Das Schnäppchenprinzip funktioniert so: Die Hüter der Planwirtschaft „werfen“ von Zeit zu Zeit etwas auf den Markt der Schlangesteher, die dann besinnungslos kaufen, denn dieses „Es“ könnte gleich wieder von dort verschwunden sein. Das ist nicht nur eine Behauptung meines antisozialistischen Polnisch-Lehrbuchs (im Westen entstanden, wahrscheinlich unter Mithilfe von Radio Free Europe), nein, auch Enzensberger berichtet in seinem Europa-Buch davon. Darin wundert er sich etwas manieriert über diese anonyme Instanz „sie“ (Plural), die etwas werfen und dann natürlich über das „Es“, eben das Geworfene. Er wittert etwas Kafkaeskes. Was zeigt, dass Enzensberger wenig vom Realsoz begriffen hatte,
Das Schnäppchen, also das Geworfene, unvorherbestimmt und planlos, sie sind die Seele des Sozialismus. Nur so konnte die Planwirtschaft funktionieren, indem die Planer das Volk durch Schnäppchen auf Betriebstemperatur hielten.
Und heute? Wie öde wäre der Kapitalismus ohne die institutionalisierten Schnäppchentage. Denn die heimlichen Verkaufsschlager sind nicht mehr die Lebensmittel, sondern Doppelklebeband und Medion-PC. Mehr noch: Nicht die Exquisit-Läden, wo man mit Devisen einkaufen konnte, waren der Brückenkopf des Kapitalismus, sondern nichts anderes als das auf den Markt „Geworfene“. Denn nicht das kaufen, was man benötigt, sondern das, was verfügbar ist, das bedeutete Luxus. Und Luxus zeugt davon, dass der Sozialismus auf der Überholspur ist.
Und so kam es, dass sozialistisches Gedankengut das Überleben des Sozialismus im Kapitalismus sichern half.