Jeder weiß: Opern sind von vorgestern, damals als es noch kein Fernsehen gab, ja nicht einmal Radio, als die Menschen ihre Lebensdramen noch selber austragen mussten, und nur einer kleinen Oberschicht das Privileg blieb, eigene Träume zu träumen. Opern sind in der heutigen Kulturlandschaft Saurier, die nur mit Riesenaufwand am Leben gehalten werden können. Natürlich fragt man sich angesichts dessen, ob sich das rechne. Das Ganze sei viel zu aufwendig in der Produktion, werde nur von wenigen Bildungsprotzen goutiert, und koste den Staat, also die Allgemeinheit, einen hübschen Batzen Geld. Dass wir davon nicht allzu viel haben und dass es besser verwendet werden könnte, hätten wir mehr davon, das wissen inzwischen alle. Nur sagt es niemand – außer den Piraten.
Opern werden landläufig zu den kulturellen Leuchttürmen gerechnet. Die sind etwas anderes als Saurier, die alles um sich herum verschlingen. Leuchttürme verbrauchen zwar auch viel Energie, zeigen aber an, wo es lang geht, weisen den Weg. Was aber ist an Carmen wegweisend? Oder am Freischütz? Sagt uns der Nibelungenschatz, wie Europa gerettet werden kann? Und wie soll man mit der Tatsache umgehen, dass Opern eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Toten aufweisen?
Überhaupt: Leuchttürme im digitalen Zeitalter! Was soll das? Piraten jedenfalls brauchen sie nicht! Bringt uns Carmen 2.0 auf die Bühne, interaktiv, dann können wir weiter sehen! Aufgeklärte Geister verweisen auf die doch ganz reizvolle Musik. Na prima, soll man die Schinken doch konzertant aufführen, was ja manche Orchester schon tun. Früher wurden die Einspielungen ohne Bild auf Platten (LP) gepresst. Und die Leute haben sie wie verrückt gekauft.
Oder der Bedarf an historischen Schnulzen könnte durch Filme im Plüsch-Format gestillt werden. Neulich in Dessau auf dem Weg ins Anhaltinische Theater (Kurt-Weill-Fest) kam ich an einem Kino vorbei, das die Klassiker des Opernrepertoires auf Leinwand und zu moderaten Preisen anbot. Das Mehrspartentheater am Ort jedenfalls kann sich solche Aufführungen nicht leisten.
Vielleicht sollte man auch diesen Lösungsweg bedenken: Nachdem Griechenland es schon versäumt hat, sich Demokratie und Olympische Spiele patentieren zu lassen und so vorhersehbar ökonomisch abstürzte, könnte nun die Welt ihre Solidarität mit dem so kreativen, wenngleich kaufmännisch unbedarften Land zeigen: Sofort werden weltweit alle Opernhäuser geschlossen, die Spitzenkräfte auf sagen wir mal drei, vier oder fünf Spielstätten in Griechenland zusammengezogen, wo sie jahraus, jahrein die Hits der Opernliteratur non stop darbieten.
Schließlich: Vom Kino lernen, heißt siegen lernen! Denkbar wären auch an Opernhäuser im Stil der Multiplex-Kinos, wo parallel zueinander, aber in getrennten Räumen Werke aus verschiedenen Epochen und für unterschiedliche Vorlieben dargeboten werden. Haus 1: „Bastian und Bastienne“, Haus 2: Die Heimkehr des Odysseus, Haus 3: La Traviata, Haus 4: Parsifal, Haus 5: L`Histoire du soldat etc. Dazu Sonderzyklen, etwa für die Freunde der italienischen Oper oder „Der Ring des Nibelungen“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Das Aufheben des Rauch-, Trink- und Essverbots würde das seine dazu beitragen, diesem Modell zum Durchbruch zu verhelfen. (Wer Kunst- und kulinarischen Genuss für unvereinbar hält, der sehe sich einmal in anderen Kulturen um: In Japan gingen die Menschen früher hauptsächlich wegen des Essens ins Theater! Auch heute noch kann man Spuren dieser Praxis beobachten.) Nur am Liebesprivileg der Darsteller sollte man festhalten, das ist ja schließlich die zentrale Geschäftsidee. (Ich habe mir sagen lassen, dass Opernhäuser in Italiens Provinz oft nur jeweils maximal sechs Monate im Jahr Opern darbieten, während der restlichen Zeit füllen Pornofilme die Kassen. Ein an sich nahe liegender Gedanke!)
Kurz und gut: So könnte man Griechenland retten. Wir aber wären endlich unsere Steuerschlucker los. Und die Opernhäuser könnte man in längst überfällige Einkaufzentren umwandeln. Statt „Deutsche Staatsoper“ dann „Deutscher Staatskauf“. Rokoko à la DDR hatten wir im Outfit dieser Branche ja auch noch nicht. Gut, dass sich Wowereit durchgesetzt hat, moderne Architektur an sich ist ja doch von geringerer verkaufsfördernder Ausstrahlung.
PS: Nachspiel auf der Erde Es sei doch nur eine Provokation gewesen, hieß es am Tag danach aus den Kreisen der Urheber dieses Vorschlags. Man habe ein Problembewusstsein herstellen wollen. Dieses Ziel wurde verfehlt. Diejenigen, die Oper kennen und schätzen, zeigten sich unprovozierbar, die anderen wagten nicht den Mund aufzumachen, da sie noch nie in der Oper waren.
Nachdenklich betrachtete ich die Karte in meiner Hand: „Die Kameliendame“. Das ist, auf deutsch, „La Traviata“. Gespielt wird das Werk in der Volksbühne. Ist das die Zukunft der Oper? Mich fröstelte.