Seit Wochen schon rauscht es im deutschen Blätterwald, dem so genannten Feuilleton, ein Rauschen, das sich gelegentlich zum Heulen eines Sturms verdichtet. Der Grund: Didi Hallervorden lässt einen Weißen (politisch korrekt) einen Schwarzen (politisch inkorrekt) spielen. Das Problem ist diesmal nicht Hallervorden (der, mit Verlaub gesagt, so schlecht als Komiker nicht sein kann, wenn er das grandiose „Palim, Palim“ abzieht). Das Problem ist das Tragen falscher oder nomenklatürlich verbotener Hautfarben.

Interessant, dass diese Debatte ausgerechnet im Theater losgetreten wird, jenem Ort, wo das Leben doch am eigentlichsten ist. Oder gerade deshalb? Denken wir einmal ein wenig weiter, auch wenn uns das als eingefleischten Theatergängern nicht leicht fällt. In der Oper ist das, was hier angeprangert wird, nämlich das Schlüpfen in eine andere Identität, sprich: Rolle, bereits seit langem gang und gäbe. Eine afroamerikanische Venus? Und dann noch in Bayreuth? Kein Problem, Grace Bumbry durfte es sein! Die Rheintöchter – drei Japanerinnen? Gab es schon, so bei den Tiroler Festspielen im österreichischen Erl. Und die „Zigeunerin“? Carmen war noch nie eine Domäne von Sängerinnen aus dem Volk der Sinti oder Roma. Schließlich: Aida wird von Künsterlerinnen aller Hautfarben auf der Bühne verkörpert.

Und keinen kümmert’s! Hautfarbe, Herkunft, Habitus, alles wurscht. Die erste Japanerin, die Madame Butterfly darstellte, galt als Überraschung. Gewöhnlich war es eine geschlitzte Weiße.

Wann endlich begreifen wir, dass Oper, aber auch Theater keine platten Ablichtungen einer scheinbaren Realität sind, sein dürfen. Sondern ihre Wirklichkeit stets aus der inneren Konfliktlage beziehen, nicht aus der Hautfarbe. Beides kann im Zusammenhang stehen, muss aber nicht. Deshalb kann auch ein Hetero einen Homo spielen, etwa Brandauer den Klaus Mann. Wer wollte hier verlangen, Brandauer müsse erst einmal den Glöckchentest bestehen?

Das Theater (wie auch die Oper) werden ihre innere Freiheit und visionäre Kraft nur behalten, wenn sie auf vordergründige Authentizität verzichten. Warten wir also auf eine Inszenierung, in der eine Schwarze die Desdemona spielt und ein Weißer den Othello. Traumhaft wäre es, wenn dazu Jago von einem Chinesen gegeben würde. Und das ganz ohne Schuhcrême. Aber das rutscht jetzt schon wieder ins Politische ab.

PS: Wer sich ein eigenes Bild speziell von afroamerikanischen SängerInnen im Bereich der Klassik machen will, dem sei der Dokumentarfilm „Brothers and Sisters: Black Voices in Opera and Concert” ans Herz gelegt.