Dass ich in Dessau war, um die Provinz zu entdecken, hatte ich bereits berichtet. Im gedanklichen Nachgang fiel mir noch ein Indiz auf, an dem sich das Vorhandensein von Provinzialität frühzeitig hätte erkennen lassen.
Dem Songspiel „Die WUNDE Heine“ waren nicht nur Texte des Dichters zugrunde gelegt, sondern diese auch durch Polit-Slogans der Studenten- bewegung bedeutungsgeschwängert worden. Anders als beim „Maha- gonny“-Songspiel, an welches das Heine-Songspiel ja anknüpfen wollte, war das Ensemble durch einen E-Gitarristen angereichert, der laut Programmheft zugleich „Stimme“ war. Und das was diese Stimme ins Publikum schleuderte, waren Politik-Sentenzen wie „Mach kaputt, was dich kaputt macht!“ (Ja, im Singular!)
Und damit hatte dieses Event den Lackmustest für Provinzialität glänzend bestanden. Denn wo, wenn nicht in der Provinz käme man vierzig Jahre nach der Studentenbewegung auf die Idee, Heine mit solchen zeitgenössischen Fremdtexten aufzurüsten, das Ganze „Adaption aktueller politischer Rocksongs“ zu nennen und das Publikum von einem rauschenden Strom der Erkenntnis fortreißen zu lassen? Zumal dieser Strom dann in ein pyrotechnisches Feuerwerk mündete. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass irgendjemand zu tief in die Fleischtöpfe der Volksbühne geschaut hatte.