„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Diese markigen Verse aus der Blütezeit der Arbeiterbewegung hatten uns, als wir noch jung genug waren, Kompliziertem zu trauen, gezeigt, wohin die Reise gehen soll.

Heute sind subtilere Formen des Arbeitskampfs angesagt, zum Beispiel Kurzarbeit. Um bei Streik oder Streik ähnlichen Situationen nicht gleich die komplette Produktion den Bach runter gehen lassen zu müssen, arbeiten die Arbeiter weniger, bekommen aber genau so viel ausgezahlt. Die Differenz zahlt der Staat, also wir alle. Immerhin bleibt ein Restpotenzial an Produktivität aufrechterhalten.

Das hört sich ganz plausibel an. Als ich dann über Adaptionsmöglichkeiten dieses Models nachdachte, fiel mir komischerweise die Oper ein. Nehmen wir folgende Situation an: Der Triangelspieler in der Neuinszenierung von – HALT!!! Betriebsgeheimnis,darf nicht genannt werden! - also in einer Neuinszenierung fordert mehr als einen Einsatz, Das würde natürlich seine GEMA-Tantiemen fast verdoppelt. Er argumentiert, dass der Komponist zwar in Takt 547 ein Triangel-Solo notiert hat, in der Parallelstelle in Takt 994 dagegen nicht. Hier könne es sich nur um eine Gewohnheitsnotation handeln, da sich aus der offenkundigen Parallelität beider Szenen der Einsatz der Triangel zwingend ergebe.

Die Intendanz sowie die Heilige Allianz der Schriftgelehrten, also der Kritiker, jaulten auf: Wie könne man die Intention des Komponisten so missverstehen! Der dramaturgische Sachverhalt sei doch evident : Während das erste Solo der Triangel just in dem Moment erfolge, wenn Isolde einen deftigen Kuss auf die Nasenspitze von Orlando („furioso“) drücke und von daher das Triangel-Solo zur Verdeutlichung sinnvoll ist, ist beim zweiten Triangel-Solo Isoldes Leidenschaft bereits abgekühlt, so dass die Triangel bei der Wiederholungsstelle zu schweigen habe.

Der Trianglist erhebt sich schweigend, steckt sein Instrument in die Hosentasche und verlässt den Orchestergraben. Bevor er die Tür zur Kantine zufallen lässt, wendet er sich noch einmal um und sagt:“Ohne meinen Impressario sage ich gar nichts!“

Es kommt in der Folge zu langwierigen, schwierigen Verhandlungen bis Isolde eines Tages auf dem Weg zu einer Probe (ohne zu wissen, ob die überhaupt zustande kommt) vom Blitz getroffen dahinscheidet.All diese Komplikationen hätte man sich sparen können, wenn man zum Instrument der Kurzarbeit gegriffen hätte. Etwa in dieser bewährten Form: Die beiden Schläge werden kurz nacheinander ausgeführt, so dass man sie als Doppelschlag werten kann. Und der gilt im Musiktarifrecht als ein Schlag. Nun greift das Kurzarbeitsmodell: Der Doppelschlag wird nur einfach bezahlt, doch aus der Portokasse des Orchesters wird auch der Zweitschlag aus Kulanzgründen honoriert. Der Trianglist hat also keine Mehrarbeit zu verrichten, spielt zwei Soli als Einheit und das Orchester schreibt mehr Briefe.

Das kann aber nur eine Übergangslösung sein, denn über die Briefe wird um dringend erforderliche Erhöhung der Tarife geworben. So einigten sich die Parteien darauf, dass hinfort alle Opern um bis zu 20% eingekürzt werden können, wenn dadurch die Kosten gesenkt werden können.

Mich als bekennenden Wagner-Feind freut dies ungemein, denn nun muss ich mir Wagner nicht mehr über die volle Länge antun.