In Berlin hat man Erfahrung darin, dem vom Staat organisierten ÖPNV den Rücken zu stärken oder ihm auch in den Arm zu fallen, je nachdem. Als 1961 die Mauer gebaut wurde und sich die ohnmächtige Wut der „Insulaner“ gegen die S-Bahn richtete, die unter DDR-Regie betrieben wurde, schickten die Kalten Krieger unzählige Busse aus westdeutschen Gemeinden über die Autobahn nach Berlin, um dort den öffentlichen Transport aufrecht zu erhalten. So gingen dann selbst bayerische Busfahrer unter tätiger Mithilfe Berliner Fahrgäste auf die Reise durch das Berliner Straßenrhizom. („Nein, hier noch nicht abbiegen, erst nächste!“). Private Autofahrer wurden vom Senat aufgefordert, an den Haltestellen Wartende aufzulesen und am gewünschten Ziel abzusetzen. Daraus entwickelte sich dann geradezu ein Bus-Zusatzverkehr mit kleinen Richtungsanzeigern an den Windschutzscheiben der PKWs. Teilweise trugen die auch die Liniennummern ihrer großen Brüder. Berliner haben halt viel Freude daran, ein bisschen Staat zu spielen.

Einige Jahre später wurde diese staatstragende Maßnahme zu einem Instrument gegen staatliche Willkür umgeschmiedet. Als die Studentenbewegung ihrem Höhepunkt entgegenstürmte, war eine geplante Preiserhöhung der „Öffentlichen“ willkommener Anlass, dem Staat seine Grenzen aufzuzeigen und selber die Verwaltung des Gemeinwesens beispielhaft im Bereich des Verkehrs in die Hand zu nehmen. Autofahrer, die mitnahmewillig waren, klebten sich einen großen roten Punkt auf weißem Grund, der japanischen Flagge nicht unähnlich, hinter die Windschutzscheibe. Das funktionierte ganz prima und bald schon träumte man davon, das Gemeinwesen basisdemokratisch umzustricken.

Beim langen S-Bahn-Streik im vergangenen Jahr zündete dann kein basisdemokratischer Funke, das lag auch vielleicht daran, dass sich die Linke in Nischenprojekte zurückgezogen hatte (Strandbars entlang der Spree etc.) und so die Zeichen der Zeit nicht erkannte.

Jetzt aber bietet sich eine kaum erwartete Gelegenheit, den Stier bei den Hörnern zu packen. Technische und organisatorische Inkompetenz hat die S-Bahn in eine desaströse Schieflage gebracht, was nun den gesamten öffentlichen Verkehr Berlins ins Chaos zu stürzen droht. Rund zwei Drittel der S-Bahn-Züge müssen aus dem Betrieb genommen und in der Werkstatt inspiziert werden!

Doch Rettung naht: Schon bald werden U-Bahnzüge aus München unter der Erde von Berlin rollen (Seehofer wird’s freuen!), die BVG suspendiert ihren Ferienfahrplan und fährt im Normalbetrieb. Sogar eine ortsbekannte Dampfergesellschaft wird nicht nur Touris über das Berliner Wassernetz schaukeln, sondern auch gestrandete S-Bahn-Passagiere. Und das kostenlos. Wer wird sich da Gedanken machen über drohende staatszersetzende (weil systemrelevante) Folgen wie Einstieg in den Nulltarif oder massive Beeinträchtigungen der Arbeitsmoral der werktätigen Bevölkerung? Denn die Dampferfahrt entlang einer Strecke, für die man mit der S-Bahn gerade einmal zehn Minuten braucht, wird eineinhalb Stunden dauern. Wer kommt da noch pünktlich zur Arbeit? Oder schlimmer noch: Wer will da noch arbeiten?

Doch der gute Wille, das Bemühen ist nicht zu. Deshalb sind alle Berliner aufgerufen, auch ihrerseits auf Ferien und Urlaub zu verzichten (wär’ doch blöd, wenn die Jungs von der BVG keine Ferien machen und niemanden juckt es weil alle in den Ferien sind!), Fahrräder, Kanus und Segelboote wieder auszupacken, und dann nischt wie raus nach Wannsee, die BVG und Dampfer-Flotte zu unterstützen. Ärzten böte sich die Möglichkeit, ihre Hochsee-Yachten einem sozialen Zweck zuzuführen (Verfassungsgebot!).

Damit die Transportmittel auch als allgemeine, quasi öffentliche zu erken- nen sind, sollte wieder eine Art Roter Punkt angebracht werden, vielleicht nicht in Rot, sondern, um auch die Opposition einzubinden, in den Farben wahlweise der Ampel- oder Jamaika-Koalition. Oder doch gleich die Pira- tenflagge?

Wie auch immer: Ganz Berlin im Transportrausch. Müssen nur noch Touris und unverdrossen Arbeitswillige mitspielen, um jemanden befördern zu können.

Ach so, fast hätte ich's vergessen: Tempelhof wird wieder aufgemacht, ein Shuttle- Luftverkehr wird zwischen Tegel, Tempelhof und Schönefeld (vielleicht auch Gatow wegen der Anbindung an das Wassernetz?) einge- richtet.