Wegen eines wichtigen ortsgebundenen Termins musste ich ins Berliner Umland fahren. Für mich als Nicht-mehr-Autofahrer ein delikates Unterfangen, stürzt man doch an der Stadt- beziehungsweise Landesgrenze vom vertrauten 5-10 Minutentakt des öffentlichen Verkehrs in Berlin in Busabstände von mindesten zwanzig Minuten. Manche fahren sogar nur einmal in der Stunde.
Es hieß sich also sorgfältig vorzubereiten, um nicht zu spät zu kommen, aber um auch nicht Zeit zu vergeuden. Ein Bekannter, dem ich davon erzählte, riet mir, mit einem Bus der Linie Soundso bis zum OdF-Platz zu fahren, dann aber zu laufen. Das sei allemal schneller als auf den Anschlussbus zu warten.
Ehe ich fragen konnte, was OdF bedeute, war der Bekannte gegangen. Erst suchte ich die Schuld bei mir, hatte ich doch schon häufiger Aussetzer beim Hörverstehen zu verzeichnen gehabt. Odeon-Platz? Orpheus-Platz? Ode der Freude? Alles etwas weit hergeholt, oder? Andere Menschen, die ich fragte, zuckten mit den Schultern: Der hieß doch schon immer so.
Irgendwann aber klärte sich der Nebel: „Opfer des Faschismus“, was sonst? Die Opfer des Faschismus aber mit einer Abkürzung zu ehren, die niemand versteht, grenzt an Verhöhnung.
Abkürzungen sind Ausdruck dafür, dass es nicht (mehr) um den Inhalt geht, dieser beliebig ist. Nur der Name allein zählt. So könnte die Haltestelle auch einfach eine Nummer tragen. Leider haben wir ns an unseren PINs aber schon tendenziell verhoben, Abkürzungen dagegen bieten den Zahlen gegenüber wenigstens noch eine geringfügige Assoziationsbasis.
Vielleicht ist es aber auch nur der Versuch des Ostens, sich eine Nische der Identität zu bewahren. „Ach wie gut, dass niemand weiß, …“. Doch selbst das wäre gegenüber den Opfern des Faschismus nicht fair.