Schon seit längerer Zeit beobachte ich anhand der taz-Lektüre die Entwicklung der deutschen Sprache. Besonders gelungene Wortneuschöp- fungen schreibe ich auf Zettelchen, die ich in der ganzen Wohnung an Möbel, Türpfosten oder andere Objekte klebe, um sie bei jedem Vorüberschlendern noch tiefer in mein Langzeitgedächtnis verankern zu können.
Meine besondere Vorliebe gehörte lange Zeit dem Wort „Still“. Es tauchte erst zaghaft, dann immer entschiedener unter Fotos auf, die aus bewegten Bildern herausgeschnitten wurden. Das Vorkommen nahm epidemische Züge an, bis zu drei Mal pro Seite im Kulturteil machte ich aus. Es war wie ein von außen (Filmhochschule Babelsberg?) eingeschleppter Virus, der in dem elitären Gestus der Kulturredakteure sein ideales Biotop fand. Das Immunsystem „Berichtigung“ versagte hier völlig. Und dann geschah es: Die Hirn-Schweiß- Schranke wurde überwunden und „Stills“ breiteten sich über die Grenzen des Kulturteils aus. Es drohte eine Pandemie.
Doch wieder einmal zeigte sich, dass die Evolution der deutschen Sprache nicht berechenbar ist. Je aggressiver Stills sich ausbreiteten, desto trotziger tauchten die ersten Antikörper auf: Plötzlich konnte man in Bildunter- schriften schon längst untergegangene Wörter finden wie: „Szenenfoto“, „Standbild“. Oder einfach nur „Foto aus …“ . Denn Hand aufs Herz: Welcher gemeine Leser kann schon unterscheiden zwischen dem angehaltenen, auf ein einzelnes Bild eingeschmolzenen wahren Leben und dem angehaltenen Abbild des wahren Lebens, wie der Film es uns darbietet?
Heute stehe ich ratlos vor einem anderen Wort, das ich zuvor noch nie gesehen habe: „Notwehrvision von Zeugen widerlegt“, meldet am 21. Mai 2010 die taz auf Seite 6. Was sagt es mir? Eine Charakterisierung der aktuellen Regierungspolitik (Finanzkrise, Griechenland hilfe)? Doch warum steht es dann nicht im politischen Teil der Zeitung, sondern dort, wo sich zunehmend Mord und Totschlag finden? Oder ist es einfach nur Ausdruck einer schleichend zunehmenden Laxheit der Aussprache in einer Multi-Kulti-Redaktion, die phonetisch (und wohl auch bald semantisch) nicht mehr zwischen Vision und Version unterscheiden kann? Ich bleibe auf der Hut.