Seit einiger Zeit muss ich meiner Darmtätigkeit erhöhte Aufmerksamkeit schenken Die Einnahme eines in der Nebenwirkung opstipierenden Medikaments in Kombination mit anderen, die diese Nebenwirkung wieder aufhebe-n sollen, führt zu einer unheiligen Allianz, bei der man nie gewiss sein kann, wann und in welcher Richtung ihre Wirkung einsetzen wird.

Leider ist Berlin kein guter Ort für Menschen mit irregulärer Verdauung, andere europäische Metropolen sind weit besser mit öffentlichen Toiletten ausgestattet. Auch in Tokyo findet sich fast immer eine Bedürfnisanstalt in Reichweite. Notgedrungen habe ich mir eine strategische Umgebungskarte im Kopf angelegt, mittels derer ich im Notfall die nächst gelegene benutzbare Bedürfnisanstalt ansteuern kann.


Das fing heute schon etwas verquer an. Die Klofrau redete laut auf eine ihr offenbar vertraute Kundin ein, stattete sie mit Details eines Sturzes auf Glatteis aus. (Glatteis? In diesem Winter? Da muss mir was entgangen sein!!) Offenbar hatte sie sich einen Handwurzel-Radiusbruch zugezogen. Das kannte ich, hatte ich auch schon einmal, damals setzte mir ein Kollege einen Freistoß so scharf platziert gegen die Hand, dass die einfachfach nach hinten abknickte. Ich fuhr dann mit dem Auto im 2. Gang zu einer Klinik und ließ mir den Bruch schienen. Danach ging nicht mehr viel: sechs Wochen Gips, nach dessen Entfernung war auch der letzte Muskel weg, Ich brauchte fast ein Jahr, bis ich die rechte Hand wieder geschmeidig benutzen und vor allem wieder Klavierspielen konnte.

Als ich die Klinke zur Kabine des Herrenklos herunterdrückte, ging die Tür auf, Der Kerl war zwar schon fertig, hatte aber seine Kleidung noch nicht im Griff, Ich entschuldigte mich, schloss die Tür wieder. Die zweite Kabine war erkennbar verschlossen. Ich ging wieder zum Eingang zurück, um von dort aus abzuwarten, dass die Benutzbarkeit des Klos wieder hergestellt werde.

Die Klofrau machte keine entsprechenden Anstalten, sie war inzwischen mit ihrer Geschichte bei der Reha angelangt. Der Klobenutzer schlenderte zum Waschbecken, wusch sich umständlich die Hände. Ich hatte in dieser Konstellation eh keine Chance, mich an seiner massigen Gestalt vorbei zu schieben, da die Räumlichkeiten viel zu eng waren.

Die Klofrau zitierte gerade den Chirurgen. der ihr versichert hatte, nur zehn Zentimeter weiter nach oben und die Schläfe wäre in Mitleidenschaft gezogen worden. Na, was das bedeutet, kann sich jeder selber ausrechnen. Meinte auch der Chirurg.

Inzwischen hatte ich die nun freie Kabine erreicht und spülte erst einmal kräftig, um die Hinterlassenschaft meines Vorgängers in die Kanalisation zu schicken. Als ich dann fertig war und Richtung Waschbecken mich auf den Weg machte, schoss die Klofrau an mir vorbei, um das Klo zu inspizieren. Ihr verhaltener Schrei verhieß nichts Gutes: „Mann, Mann, Mann! Erst soon [Wort nicht verstanden bzw, unbekannt] und dann nicht mal spülen. Sowat hamwa jerne!“ Ich verteidigte mich schwächlich: das Klo sei bereits von meinem Vorbesitzer unbenutzbarer hinerlassen worden, wenn sie es gleich gereinigte hätte, wäre es vielleicht möglich gewesen, den laufenden Betrieb zumindest aufrecht zu erhalten etc.

Sie: „Na da muss man halt `n bisschen rumrühren und die Wurst zu Brei quetschen. Denn passt se ooch durch.” Mir wurde unheimlich, wo sollte diese ungebetene Vertraulichkeit noch hinführen? dachte ich insgeheim. „Sie haben ja ooch ne unmässig große Wurst, wissen Se?“ schleuderte sie ihre Kennnisse lauthals durch das Podologische Institut. Mir jagten kalte Schauer den Rücken hinab. Doch für solche Sequenzen hatte dereinst das griechische Theater Griechenlands den deus ex machina“ . Wenn nichts mehr zu gehen scheint – er weiss noch immer einen Weg.

Doch immer lockt das Weib: „Soone grosse Wurst ham Se. Dafür können Se ja nischt. Aber dann müssen Se ooch spülen und schön breiig quetschen, denn jeht se ooch durch.“ Ihre Wut war schließlich verebbt, ihr Ton wurde immer freundlicher, am Ende fast herzlich. Ich hatte ja auch richtig doll die Wurst gequetscht – sie (die Klofrau) konnte stolz auf mich sein.

Trotzdem suchte ich schnell das Weite, denn so wie die gestrickt war, war man vor keiner Überraschung gefeit. Vorsichtshalber strich in die Toilette aus meiner virtuellen Liste.

Gesenkten Hauptes schlich ich an der benachbarten Imbissbude vorbei. Gar manches Mal hatte ich dort eine herzhafte Currywurst verdrückt, so eine richtig große. Was wird der Betreiber nun von mir denken?