Schrecksekunde im Badezimmer. Dort höre ich beim Verrichten raumtypischer Tätigkeiten stets auch Radio, genauer: Inforadio, „garantiert ohne Musik“. Gerade wurde die Meldung über die Vergabe des Nobelpreises für Chemie an einen amerikanischen und zwei japanische Forscher verlesen. Ich lächelte noch über die bemüht inkorrekte Aussprache der japanischen Namen, da traf es mich wie ein Hammer: Ihre Forschungen hätten die Entwicklung von Plaste ermöglicht!
Plaste, - welch West-Berliner erinnert sich nicht an den linguistischen Frontalangriff , der von einer über die DDR-Transitautobahn bei Halle sich spannenden Brücke ausging: „Plaste und Elaste aus Schkopau“ jubilierte es dort von einer Banderole entlang der Seitengitter herab. Was haben wir immer gelacht, wenn wir dieses Sprachungetüms ansichtig wurden! Es war dazu ein Partygag, bei dem man sich, richtig platziert, des augenzwinkernden Einverständnisses seiner Gesprächspartner gewiss sein konnte. Niemand der autoritätshörigen West-Berliner hätte es gewagt, den kontrollierenden Vopos ins Gesicht zu prusten, doch auf sicherem westlichen Boden konnte man sich so manche Geste der Aufmüpfigkeit erlauben. Und doch war der Begriff Plaste für mich, ich weiß nicht wieso, auf ewig mit der Vorstellung von Klassenkampf verknüpft.
Und nun sollte dieser Knaller durch die Verleihung des Nobelpreises salon- fähig gemacht worden sein! Unfassbar! Ich schaute in der Zeitung nach, ob ich nicht etwas falsch verstanden hatte. Und dort las ich: „ … erhielten die Auszeichnung für die Entwicklung der palladium- katalysierten Kreuzkopp- lung in organischen Systemen“.
Gott sei dank! Warum nicht gleich im Klartext?