Volk entscheidet über Nachtflugverbot

Platzeck setzt sich an die Spitze jener Bewegung, die einen Volksentscheid in Sachen Nachtflugverbot möchte. Die Wirtschaft steht kopf. Einer ihrer Sprecher, der Ex-Journalist Klaus-Peter Siegloch, ein Star unter den Medienmachern, malt den Teufel an die Wand in Gestalt eines Versinkens der Stadt Berlin in Anonymität und Bedeutungslosigkeit. Am Ende des Interviews holt er zum ganz großen Drohszenario aus: Man stelle sich einmal vor, aus Asien komme ein Flieger gegen 5:05 morgens nach Berlin und müsse dann fast eine geschlagene Stunde lang über der deutschen Hauptstadt kreisen. „Dann wird er nicht mehr nach Berlin fliegen, das kann ich Ihnen nur prophezeien!“

Ach, wirklich? Herr Siegloch sollte mit seinen Prophezeiungen doch lieber etwas zurückhaltend sein. Ist er schon einmal in Asien gewesen? Die Maschinen aus Europa sind so getaktet, dass sie vorzugsweise kurz nach 6 Uhr morgens ankommen. Zum Beispiel im japanischen Spitzenflughafen Narita (Tokyo International), einem der meist frequentierten der Welt. Dort nun kann es passieren, dass der Flieger, sollte er dank der Windverhältnisse zu früh eingetroffen sein, eine Stunde lang nicht etwa über der japanischen Hauptstadt, nein, sondern über Reisfeldern kreisen muss. Vielleicht haben Journalisten ja Sonderkonditionen, mir aber, der ich beruflich in Japan lange Jahre zu tun hatte, ist das nicht selten passiert. Und keiner hat sich darüber aufgeregt, die Flieger fliegen heute noch Tokyo / Narita an.

Hier wird in unverantwortlicher Weise Angst geschürt, in diesem Fall davor, wirtschaftlich abgehängt zu werden. Doch die internationalen Standards sind oft überraschend bürgerfreundlich, ich denke da auch an Singapur und andere internationale HUB-Drehkreuze. Der eigene Flughafen werde untergehen, wenn er nicht wie eine Nutte die Beine vor den Interessenvertretern der Wirtschaft (und seien dies auch nur Journalisten) spreizt – ein solches Denken ist wahrhaft provinziell. Seht Euch doch mal die Geschichte Europas an: Der Fortschritt – von der Reformation über die französische Revolution bis hin zur Demokratisierung ist immer auch die Geschichte des Widerstands gegen die etablierten Kräfte gewesen. Darauf können wir stolz sein!

Und nicht auf 55 Minuten zeitiger eingeflogenen Kaviar.