Betrachtung anlässlich der Bekanntgabe des Unworts des Jahres 2010
Gerade erreicht mich die Nachricht, “alternativlos“ sei zum Unwort des Jahres 2010 gekürt worden. Na schön, das verdankt es sicher dem politisch-sozialen Biotop, in dem es missbraucht wurde: Wenn Politiker oder Unternehmer das, was sie zu tun beabsichtigen, als alternativlos bezeichnen, wollen sie eigentlich nur eine Debatte vermeiden. Nicht kraft besserer Argumente, sondern gewissermaßen ex cathedra, dem Papst gleich. Der ist ja bekanntlich unfehlbar, und so sind die Dinge die er treibt eo ipso alternativlos. Man kann allerdings kaum sagen, dass „alternativlos“ als Wortschöpfung besonders originell oder gar schön sei. Ein seit langem bekanntes Wort ist es, dass allein durch seinen argumentativen Missbrauch den Sprung in die erste Reihe geschafft hat.
Doch das Jahr 2010 hat auch atemberaubende lexikalische Neuschöpfungen zu bieten. Die können entweder schlagartig Einsichten eröffnen oder aber durch ihre monströse Hässlichkeit eine Gänsehaut erzeugen. Ich habe, rein privat, auch ein bisschen gesammelt. Unter diesen Lesefrüchten sind sowohl solche, die pandemisch unsere Sprachkultur überflutet haben, Modeausdrücke, die mit zunehmendem Gebrauch sich immer weiter von ihrer ursprünglichen Aussage entfernt haben und einfach nur imposant klingen sollen („[etwas] kommunizieren“, transitiv) . Andere dagegen sind echte Solitäre, unnachahmlich, alternativlos. Einige Beispiele:
„… die “Verbeitragung” durch die Krankenkassen als Quasi-Finanzämter ..“ „… sie alle werden “das Projekt verhetzen”. „… wäre die Bürgerversicherung “als Enteignungsprojekt verhetzbar”.
Diese schönen Beispiele für das Kreativpotenzial der Vorsilbe „ver-“ von dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach, der sich in der taz vom 20./21.11.2010, S.9 über die Bürgerversicherung und ihre Chancen ausließ.
Das folgende Beispiel entstammt derselben Zeitung, hausgemacht in der taz-Wortküche:
„ … der Grünenbundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele …“
(taz 13./14.11.2010, S.1).
Whow! Das nenne ich Begriffskarriere: Die Einwortschreibung ist ja gewissermaßen der lexikalische Ritterschlag.
Ist die unerschrockene Verwendung der Vorsilbe „ver-“ bei Lauterbach Teil seines individuellen Profils, so nimmt die kollektive Verwendung von neuen Verben mit der Vorsilbe „ab-“ nahezu bedrohliche Ausmaße an: „Ich dämmerte ein bisschen ab.“ (Siehe auch: abklatschen, abwinken, abhängen etc.)
Bei „be-“ ist ein ironisch eingefärbter Gebrauch schon seit längerem zu beobachten, etwa in Wendungen wie: „die Eltern bespielen ihre Kinder“, oder: sie „bespaßen“ sie. Eine solche Unernsthaftigkeit ist allerdings bei einem brandenburgischen Lokalpolitiker, der sich zudem noch im Inforadio des RBB äußert, der Landesanstalt für experimentellen Sprachgebrauch, kaum zu vermuten: „Der Streifenwagen bestreift ein Territorium, das …“
Überraschende bis schockierende Einzelfälle dagegen sind: „Die japanischen Stardesigner haben unsere vestimentären Ideen radikal verändert.“ „Er dissertiert an der FU.“
Da zeigt sie uns die taz wieder einmal, die Bildungskeule!
Atemberaubend ist auch die Evolution im Filmwortschatz. Warum die sich gerade auf bestimmten Seiten der taz abspielt, kann man nur erahnen. Vermutlich führt ein Karriere-Schleichpfad von der Filmhochschule in Babelsberg direkt in die Rudi-Dutschke-Straße. War lange Zeit das „Still“ der ungekrönte König unter den Insider-Wörtern, so bekam es kürzlich überraschend Konkurrenz: In einem Bericht über eine Ausstellung des südafrikanischen Künstlers William Kentridge (Albertina, Wien) stieß ich auf: „Stop-Motion-Material“. Das ist dann vielleicht kein klassisches „Standbild“ mehr, sondern eher ein „Still[stehbild]“. Dennoch, das Rennen bleibt spannend: Der Verwendung eines heute noch spitzenreitenden Wortes kann morgen schon als Zeugnis tiefsten Hinterwäldlertums verstanden werden.
Da helfen dann auch keine bewusstseinskritischen Reflexionen über die korporationsidentitätstiftende Wortwahl – eine Art sprachlicher Uniform. Der Tag wird kommen, wo man mit „Still“ die eigene Marginalität offenbart. Nur wer das “Stop-Motion” drauf hat, gehört zum Mainstream,
Die Zeitung ist der Quell neuer Wortschöpfungen. Oder war es das Internet mit seinen Blogs? Aus denen abzuschreiben heute gar nicht mehr unbedingt unehrenhaft ist? Mal sprudeln sie, die neuen, schönen Wörter, unaufhaltsam, dann wieder zögerlicher hervor. Zunächst nehme ich einzelne Fälle wahr, stutze, versuche mir den Sinn zu erklären, nicht immer erfolgreich. Doch dann häuft sich ihr Auftreten auf unerklärliche Weise, und schließlich sind sie flächendeckend präsent, so, als seien sie immer schon da gewesen. Und das anfängliche Nichtverstehen weicht allmählich einer Ahnung ihrer Bedeutung. Und ehe man es sich versieht, benutzt man sie selber ganz locker. Ob man sie dann wirklich richtig verstanden hat, ist eine andere Frage. Aber es sind wohl auch eher Markenzeichen eines diffusen Bewusstseins der Zugehörigkeit.
So ging es mir bei Hype, ein Wort, bei dessen Benutzung ich mir bis heute nicht sicher bin, ob es der oder das Hype heißt. Kaum hatte ich den/das Hype halbwegs verdaut, tauchte besonders (oder gar ausschließlich?) in meiner bevorzugten Tageszeitung das rätselhafte, eben bereits angesprochene Wort „Still“ auf. Meist in Bildlegenden unter Fotos aus Filmen. Mir dämmerte: Ein Still entsteht dann, wenn man einen Film still hält. Früher hatte man das auch einfach „Foto aus …“ genannt. Oder Standbild. Schließlich entsteht ein Foto ja auch, indem man das Leben in einem bestimmten Augenblick stillstehen lässt. Aber „Still“ zeigt natürlich viel prägnanter an, dass man eine besondere, auch den Sprecher sondernde Sprache beherrscht.
Bis dann Kentridge mit seinem Stop-Motion-Material daherkam. Das ist vielleicht nur eine sprachliche Abgrenzung von den Banausen, die inzwischen schon mit „Still“ ganz passabel umgehen können (wie ich). Oder es verbergen sich hinter den unterschiedlichen sprachlichen Zugängen unterschiedliche Konzepte. Immerhin bezeichnet „Still“ ja so etwas wie einen bereits erreichten Zustand, während bei „Stop-Motion“ die Bewegung gerade erst heruntergefahren wird. Vermutlich verraten dies kleine, kaum sichtbare Schlieren auf dem Bildmaterial. Und nur der wahrhaft Eingeweihte sieht es.
Oder auch „Blog“. Irgendwie ist mir immer noch nicht ganz klar, warum man das nicht auch Tagebuch oder meinetwegen Netz-Tagebuch nennen kann. Ist natürlich zu lang. Und es mangelt ihm wohl an Glamour. Dann gibt es aber auch Wörter, die zwar schon existent waren, aber im deutschen Sprachschatz bislang ein eher mauerblümchenhaftes Dasein gefristet haben. Bis ein Prinz sie wach küsste. Und schon begannen sie sich wie Butterblumen über den Sprachrasen auszubreiten. Die Sachverhalte, die sie repräsentieren, ließen sich zwar auch mit herkömmlichen Wörtern ausdrücken, doch fehlt denen der Charm des Exklusiven. Des Kaisers neue Kleider, sprachlich.
Paradebeispiel für diese Spezies ist das „eh“ der Studentenbewegung in der Bedeutung „sowieso“, „ohnehin“. Laut Wahrig ist dies österreichisch-baye- rischer Herkunft („Das nutzt eh nichts.“), hat dann aber den Aufschwung in die höheren Sphären des Frankfurter Diskurses geschafft. Da sieht man, von wem die Studentenbewegung tatsächlich bewegt wurde!
In jüngster Zeit hat das Wörtchen „dann“, bar jeden temporalen oder kon- ditionalen Sinnes, begonnen, das Sprachverhalten nahezu des gesamten deutschen Volkes schichtenübergreifend zu unterwandern. Darüber habe ich mich anderer Stelle bereits gewundert (s. 25.10.2009). Genau betrachtet ist es allerdings wohl eher in der unteren Mittelschicht heimisch.
Auch für Fachwörter sind Zeitungen eine Fundgrube, wohl weil Journalisten ihr eigenes mangelndes fachliches Verständnis hinter Respekt gebietenden Formulierungen verstecken können. Sie vermögen sich durch augenzwin- kernde Anführungszeichen („Seht her, welch ein Wortungeheuer!“) zwar ein wenig abzusetzen, doch kämen sie ganz schön ins Schludern, sollten sie die Gebilde erklären.
Neben diesen Zeitgeist-Wörtern, die irgendwo herkommen, – niemand weiß genau, woher – , um dann den allgemeinen Wortschatz zu würzen, gibt es die betont individuell gestalteten Begriffe, mit denen der Urheber glänzen, vielleicht sogar sich im Rennen um das Wort des Jahres schon einmal auf die Pole-Position schieben will. Ganz große Chancen muss man der Generalbundesanwältin Monika Harms einräumen, die von der Gefährdung durch „Instant-Islamisten“ sprach. Sie meint offenbar jene Selfmade-Islamisten, die auf eigene Rechnung Bomben basteln, die dann zwar nicht unbedingt hochgehen, dennoch aber hinreichend Angst und Schrecken verbreiten. Es sind Trittbrettfahrer von starken Organisationen gesteuerter Aktionen.
Was Frau Harms uns aber mit „Instant“ in diesem Zusammenhang sagen will, bleibt ihr Geheimnis. Wahrscheinlich hat ihr kulinarisches Unterbewusstsein einen Notruf abgesetzt, den aber wieder einmal kein Schwein wahrgenommen, geschweige denn verstanden hat. Die von ihr kombinierten Wörter sind ohne Bezug zueinander wie auch zum gegebenen Sachverhalt, so dass man nur vermuten kann, dass sich ihre Ernährungsprobleme gewissermaßen in einer Art Übersprungsreaktion zu den Islamisten als Folie gegriffen haben. Bei dem Versuch, den Islamisten Attribute wie „Möchtegern“ und „unausgegoren“, eben „Pseudo“ aufzudrücken, sie dadurch gleichsam zu Archetypen des Uneigentlichen zu stempeln, kam sie auf „Instant“, Sinnbild mangelnder Authentizität. Bekannt und vertraut war es ihr wohl von der eigenen Nahrungsaufnahme her. Ein schönes Beispiel, wie Sprachgebrauch innere Schichten einer Person einsehbar macht.