„Alles was Sie brauchen. Alle zwanzig Minuten.“ Besonders antörnen tut mich die Eigenreklame des Info-Radios ja nicht. Aber sie bringt mich zum Nachdenken. Was brauche ich denn alle zwanzig Minuten? Eine spontan vorgenommene kritische Bestandsaufnahme ergibt, dass das Informationsvolumen eines Tages durchaus in ein 20-Minuten-Format passen könnte. Würde man die Rücktritte brandenburgischer Lokalpolitiker wegen irgendwelcher Leihwagenaffären weglassen, könnte man noch mehr wirklich wichtige Meldungen unterbringen.

Das Problem liegt woanders. Es sind die zahllosen Wiederholungen, die den Kanal voll machen. Erst dachte ich, das sei ja nicht auszuhalten, bald könne ich mitsingen. Doch dann merkte ich den eminent praktischen Nutzen dieser Wiederholungstechnik: Man braucht keine zum Radiohören parallel laufende Handlung zu unterbrechen, um einen Beitrag bis zum Ende zu verfolgen. Im Gegenteil, man kann den Kasten einfach ausschalten, wenn man mal woandershin will. Oder den Kasten sich selbst überlassen. Irgendwann kommt der verpasste oder unterbrochene Bericht wieder, und dann kann man die weißen Stellen im aufgenommenen Text ergänzen.

Das ist eigentlich toll! Denn Radio ist das einzige Medium, das die Parallelität zweier Handlungen erlaubt, ohne dass eine der beiden darunter leidet. Zeitunglesen und zugleich frühstücken? Geht nicht, der Honig kleckert auf die Zeitung. Wenn das nicht, so rutscht einem zumindest der gerade gelesene Text immer wieder aus dem Blickfeld. Fernsehen und essen? Auch nicht, wie soll man den Mund finden? Besonders unangenehm ist es, wenn man sich die Kartoffel in die Nase schiebt.

Der Hörsinn jedoch scheint am ehesten kompatibel mit, beispielsweise, manuellen Vorgängen zu sein. Nachrichten hören und zugleich abwaschen? Klappt hervorragend. Ebenso Kochen zu den neuesten Berichten über Jagdfliegerangriffe auf das libysche Volk. Das liegt möglicherweise daran, dass der Weg vom Ohr ins Gehirn sehr direkt ist und nicht so leicht durch andere Bewegungsabläufe abgelenkt werden kann.

Das Puzzle-Prinzip greift übrigens auch bei der Ausstrahlung des Programms selbst. Eine der Aufgaben des Senders ist es, auf Verkehrshindernisse hinzuweisen. Dann wird der laufende Beitrag – nein, nicht unterbrochen, sondern zurückgesetzt, um die aktuelle Verkehrsmeldung durchzugeben. Anschließend geht es mit dem ursprünglichen Beitrag weiter, wenn auch nicht akkurat dort, wo er unhörbar wurde. Im Stillen war er nämlich weitergelaufen und nun, mehrere Sekunden beziehungsweise einige Sätze später, geht es weiter. Was dazwischen passierte, erfahren wir zwar nicht sofort, aber doch bei der nächsten Wiederholung. Oder man denkt es sich.

Das nenne ich einen Sendebetrieb, der vom Hörer kreative Eigenständigkeit verlangt, dafür aber die verfügbare Lebenszeit zumindest vorübergehend verdoppelt. Denn dieses Mehr an Zeit bedürfe es, würde man zwei Tätigkeiten nicht gleichzeitig, sondern konsekutiv ausführen.