Das Schloss steht wieder einmal zur Disposition, genauer der Platz, auf dem es sich einst befunden hat. Das ist gut so. Denn nur ein kleiner Teil der Berliner Bevölkerung hätte Nutzen und Gefallen an dem projektierten Humboldt-Forum gefunden. Nicht immer ist dabei ganz klar, ob es um das Gebäude („Bauwerk“) geht oder über dessen content. Vermutlich um ersteres, denn wir sind ja ein Volk von Technik-Fetischisten. Kauften uns dereinst teure Stereoanlagen, um damit Märsche der Kaiser- und Nazizeit zu hören. Oder rüsteten uns mit schicken Handys aus, wenn wir zu ALDI gingen: „Icke bins. Sach ma Erna, hamwa eijentlich noch Sülze? Oda sollick wat mitbring?“ Wir fotografieren Tante Marta mit einer digitalen Spiegelreflexkamera vor dem Standbild der Großen Kurfürsten. Und so weiter.
Einer Rekonstruktion fehle die Akzeptanz in der Stadt, lässt uns nun der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl wissen. Der muss es wissen, denn dem fehlte auch die Akzeptanz. Doch dieses Argument überzeugt nicht, denn der gemeine Berliner liebt Preußens Glanz und Gloria. Weniger anzufangen wissen wird er mit dem, was hinter den barocken Nachbildungen so getrieben werden soll: Kultur, in welcher Form auch immer.
Also, machen wir Nägel mit Köpfen: Was treibt uns derzeit am meisten um? Ganz klar: die S-Bahn. Erst geht sie reihenweise kaputt, dann bremst sie nicht mehr, schließlich frieren die Weichen ein (im Winter!), oder es fehlt an Personal. Heute wird zu allem Überfluss auch noch gestreikt! Das geht dem gemeinen Berliner ganz schön an die Nieren!
Was tun? Ich schlage die Errichtung einer Zentralen Betriebswerkstatt auf dem Schlossareal vor. Dort können unsere Reichsbahner dann vor den Augen eines hellwachen, kritischen Publikums (Touris willkommen!) zeigen, was sie drauf haben. Und so ein Job vor eigenem Publikum motiviert, nein beflügelt doch ungemein, wir wissen das von unserer Hertha! Und wenn das Personal mal nicht reichen sollte: Wir haben genug Hartzler, die sich gern einen Euro dazu verdienen, indem sie einfache Hilfstätigkeiten verrichten: Waggons reinigen, Sandkästen mit Bremssand nachfüllen, die Lautsprecheranlage überprüfen oder so.
Ich könnte mir kaum eine Nutzung vorstellen, die auf mehr Akzeptanz in der Stadt stieße. Und das alles nicht etwa versteckt in Rummelsburg oder Grünau, sondern im Herzen der Stadt. Das ist Kultur, die wir wollen! Der Alte Fritz hatte die sauren Gurken aus dem Spreewald dereinst gelobt: „… sind ooch Kompott!“ Mit ihm könnte man sagen: „S-Bahn is ooch Kultur!“
Und das Bauwerk? Nun, ich denke, dass eine barocke Fassade nicht weiter bei dieser Nutzung stören wird. Zur Not könnte man den Laden ja auch „Kaiserliche Betriebswerkstätten“ nennen