Kultur ist das, was aus dem Menschen erst ein zivilisiertes, weil nicht-naturbelassenes Wesen macht. Nur der Mensch könne Verhaltensweisen, so genannte Kulturtechniken, hervorbringen, die ihn fortentwickeln, hat man lange geglaubt. Heute weiß man, dass dies bestenfalls graduell stimmt. Affen können Werkzeuge herstellen, mit denen sie an verschlossene Nahrungsquellen herankommen. Und männliche Großstadt-Stare arbeiten klangliche Motive des urbanen Lebens in ihren Singsang ein (Signale, Motorengeräusche etc.), was sie den Weibchen attraktiver erscheinen lässt: Pop-Kultur im Tierreich.
Es gibt sicher noch viel mehr Beispiele. Vielleicht schafft ja jede Gattung, die es vermocht hat, der Auslese zu trotzen, Kulturtechniken, dank derer sie sich aus dem Sumpf des Untergangs zu ziehen vermag. Lange Zeit hat man auch gemeint, dass nur die Speerspitze kultureller Aktivität durch die Eliten echte Kultur bedeute, eine Vorstellung, die selbst heute noch unterschwellig virulent ist. Gern spricht man von „kulturellen Leuchttürmen“ (etwa wenn es um die Finanzierung der Berliner Opernhäuser geht). Umgekehrt gab es vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einen kulturellen Untergrund, der heute weitgehend von der Trash-Kultur verdrängt ist. Oben und unten, diese Grundorientierung bleibt.
Dann gibt es noch die Massenkultur. Eine intellektuelle Gesprächsrunde hat kürzlich im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) unter dem Titel „Der Westen im Osten“ das kulturelle Crossover diskutiert. Als am Ende die Moderatorin die noch nicht ausdiskutierten Themen bilanzierte, setzte vor Schreck einen Augenblick lang mein Verstand aus. Eine der Fragen lautete: Ist die Massenkultur die adäquate Kultur für die demokratische Gesellschaft?
Haben wir das wirklich gewollt? Soll Florian Silbereisen unser kulturelles Leitbild sein? Nun, es gibt Gegenwehr. In einem Zeitungsinterview fragt der Schriftsteller Simon Borowiak: „Darf man nach Kant noch Silbereisen senden?“ Einmal abgesehen davon, dass ich mich an keine Fernsehsendung mit Kant erinnern kann, – aber da ist es doch wieder, das alt vertraute Hochtief-Schema: Kant ist Hochkultur, Silbereisen ist Masse. Und dann schiebt Borowiak einige Sätze später nach: „Direkte Demokratie bedeutet wohl immer eine Gratwanderung zwischen Aufklärung und Silbereisen.“
Ich mag Silbereisen und vor allem seine Musik auch nicht. Doch ist es nicht bedenklich, die Messlatte für Kultur bei Kant und der Aufklärung anzulegen? Elitäre Arroganz legte seinerzeit auch der Adel an den Tag, als das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde. Wie auch viele Männer, als es um das Frauenwahlrecht ging.
Umgekehrt kann aber auch die Massenkultur nicht ohne weiteres zur Leitkultur der Demokratie auserkoren werden. Der Satz, wonach die Massenkultur die angemessene Kultur demokratischer Gesellschaften sei, ist gefährlich. Er klingt nach Kongruenz zum Wahlergebnis. Das aber darf nicht sein, dann wäre der Schritt zur Ausrufung einer deutschen Nationalkultur nicht groß. Demokratische Gesellschaften sind ihrem Wesen nach pluralistisch, ihre Gruppen sind gleichrangige Komponenten der demokratischen Gesellschaft. Auch Kulturen von Randgruppen müssen darin ihren Platz finden. Eine verbindliche Leitkultur gibt es nicht. Und wenn, dann eben die der Pluralität.
Und so müssen wir, so sauer uns das auch ankommt, selbst einen Florian Silbereisen schlucken. Wer ihn will, soll ihn auch bekommen. Aber es muss sich auch Schlingensief in der Tüte finden. Eine 5%Hürde darf es in Sachen Kultur nicht geben.