Die Zeitung meldete es schon vor einiger Zeit: Siemens will seinen Managern eine „Mobilitätszulage“ zahlen, wenn sie den öffentlichen Nahverkehr nutzen. 650 Euro, mehr als Hartz IV, sollen sie ab 1. Februar erhalten, wenn sie auf ihren Dienstwagen verzichten.
Wenn Weißhemden und Krawattenträger künftig zwischen dem üblichen U-Bahn-Mob schwitzen, ist das ein großer Schritt hin zu einem Mehr an sozialem Miteinander. Eine weitere Randgruppe wird so in die Gesellschaft integriert. Oder doch nicht?
Die großstädtische S- und U-Bahnen waren einstmals, als das Auto noch ein Luxusspielzeug der Superreichen war, Verkehrsmittel für alle, die ganze Gesellschaft fand in ihnen zusammen, vom Bankdirektor bis zum Arbeiter. Aber doch nicht in einem Wagen! Nein, säuberlich getrennt in Klassen. In Berlin heute undenkbar, in anderen Städten jedoch noch ganz selbstverständlich ist sie, die Zweiklassen-Stadtbahn. In Berlin undenkbar? Nun, darüber nachgedacht wurde schon: Mit den neuen Modellen nach dem Fall der Mauer sollte die 1. Klasse bei der S-Bahn wieder eingeführt werden. Doch man glaubte seine Pappenheimer zu kennen, an der Akzeptanz wurde gezweifelt. Wohl zu Recht. So werden wohl die Siemens-Manager, die ja in München sitzen, unter sich bleiben müssen. Wer will schon zweitklassig sein?
Doch der Gedanke der Siemens-Geschäftsführung weist grundsätzlich in die richtige Richtung. Dann nämlich, wenn zwischen Managern und ihren Produkten ein unmittelbarer Bezug hergestellt wird. Ich habe nie verstanden, weshalb die Macher nicht verpflichtet sind, das, was sie machen und anbieten auch selber zu benutzen. Hier also die Anbieter von Dienstleistungen im Bereich Verkehr. Das wäre Qualitätskontrolle aus erster Hand mit unmittelbarer Rückkoppelung! Weiß Gott, warum Herr Mehdorn mit dem Flugzeug herumgeflogen wird und nicht mit einem IC oder ICE vorlieb nehmen muss. Wenn er und Seinesgleichen sich mit bis zur Funktionsuntüchtigkeit überlasteten Automaten herumärgern müssten, hätten wir wohl bald bessere. Und vielleicht auch pünktlichere Züge, informativere Durchsagen, freundlicheres Personal, besseren Kaffee undundund. Neulich fuhr ich mit der S-Bahn von Herrmannstraße kommend Richtung Südkreuz. In Tempelhof, eine Station vor Südkreuz, hielt der Zug, einige Fahrgäste stiegen aus, andere ein. Der Zug rührte sich nicht. Kommt ja manchmal vor, dass sich irgendwas im Betriebsablauf verzögert. Doch die Sekunden verrannen, dann wurden sie zu Minuten – der Zug stand. Die ersten Fahrgäste wurden unruhig, es lag eine Störung in der Luft.
Kaum waren wir, jeder für sich, zu dieser Erkenntnis gekommen, bellte der Lautsprecher los: „Alle aussteigen! Dieser Zug endet hier.“ Nichts weiter. Warum? Was ist los? Kein Wort. Wozu auch, muss ja nicht jeder wissen, dass der Fahrer (der wohl auch die Durchsagen machen muss) es auch nicht weiß. Als ob sich jemand einen Zacken aus der Krone bricht, wenn er etwa sagen würde: „Liebe Fahrgäste, ich weiß auch nicht, was los ist, aber wir können nicht weiter. So wie’s aussieht, kann’s noch ’ne ganze Weile dauern. Ich melde mich wieder, sobald ich was weiß. Wer’s eilig hat, kann hier in die U-Bahn umsteigen.“ Statt dessen wird einer auf Betriebsgeheimnis gemacht.
Mit verkniffenen Gesichtern erheben wir Fahrgäste uns aus den superbequemen Sitzen und nehmen auf dem Bahnsteig Aufstellung. Keiner fragt, niemand wundert sich. Die Berliner waren auch schon mal kommunikativer. Und vor allem aufmüpfiger. Die Türen schließen sich, der Zug fährt los, aufs Abstellgleis. Jetzt endlich eine Meldung über die Ursache: Notarzteinsatz. Ich denke sofort an den ungarischen Film „Kontrol“. Na, das kann dauern bis die das ganze Fleisch von den Schienen gekratzt haben. Immerhin wird die Arbeitsgeschwindigkeit nicht durch den Austausch von Gulaschrezepten gedrosselt, nicht in Berlin. Essen ist hier kein Thema, höchstens Trinken.
Der nächste Zug Richtung Südkreuz rollt ein, die Türen gehen auf. Einige Leute steigen aus. Die Wartenden drängen hinein, lassen sich erschöpft auf den Sitze fallen, werfen den MP3-Player an oder packen die Zeitung wieder aus, handyen aufgeregt über ihr Abenteuer. Die Sekunden verrinnen, werden zu Minuten, schließlich meldet sich die Stimme des Zugführers: „Alle aussteigen! Dieser Zug endet hier.“ Ich weiß nicht, wie es weitergegangen ist. Ich bin auf die U-Bahn umgestiegen.