In dem Artikel von Martin Fritz (in taz vom 23.7.2014, S. 13), der offenbar nicht online verfügbar ist, berichtet der Japan-Korrespondent der taz,von den quasi familiären Bindungen zwischen einer Mädchengruppe und deren Fans. Die Fans befinden nicht nur über das Ranking etwa bei der Aufnahme der nächsten Single, sie haben darüber hinaus auch ein Art Anteilseignerstatus an der Erfolgskarriere der Mädchen, dürfen sich als deren Patron fühlen und die Mädchen als ihre Geschöpfe betrachten.

Wie problematisch diese Nähe zwischen Star und Fan werden kann, zeigt ein japanischer Spielfilm, dessen Titel mir entfallen ist. Ein Fan fühlt sich von den Hits einer Sängerin so unmittelbar persönlich angesprochen, dass er nicht nur deren Unfall miterleidet, bei dem sie erblindet, sondern sich auch selber das Augenlicht zerstört, um ihr in übersteigerter Empathie emotional näher sein zu können, ohne daraus irgendwelche Ansprüche herzuleiten. Der Mann als Drohne. Nein, als Arbeitsbiene. Denn ein sexueller Kontakt ist nicht vorgesehenen, findet wohl auch nicht statt.


Der taz-Artikel wird im Trailer auf Seite 1 dieser Zeitung folgendermaßen angekündigt: „Warum die Girlgroup AKB 48 alle Rekorde bricht“.“.

Ich überlege: Tut er das? Beantwortet der Artikel wirklich diese Frage? Mehr noch: Stellt er sie überhaupt?

Und wenn nicht: Was sagt mir der Artikel. Oder was will er mir sagen?

Es geht um eine Gruppe von Sängerinnen und Tänzerinnen, die die Charts seit einigen Jahren fest im Griff haben. OK.

Welche Mitglieder dieser Gruppe die nächste Single einspielen, entscheiden aber nicht die Manager oder Sponsoren, sondern – die Fans. In einer Art Urwahl werde die 16 Besten (oder Populärsten) aus dem rund 30 Mitglieder umfassenden Kader gewählt und entsprechend dem dabei erworbenen Rang von dem Zentrum der Bühne bis zu deren Peripherie positioniert. Auch das ist den Praktiken der hiesigen TV-Welt nicht so ganz fern, wie auch das Marketing über Sponsoring und product placement. Und dass sich Erfolg und Nachfrage gegenseitig hochschaukeln – wer wollte es bezweifeln!

Doch nun wird’s familiär: Die Fan-Bindung scheint eine besondere zu sein. Dabei spielt der Lolita-Komplex (im Erwerbsleben stehender scheinbar erwachsener Mann ist Kindfrau verfallen) eine wesentliche Rolle. Nicht Beziehungsträume – was naheliegend wäre – stehen im Vordergrund, sondern die brüderlichen oder auch väterlichen Gefühle für eines der Mädels. In der Tat übernehmen die Fans eine Art virtueller Patenschaft für die Entertainerinnen bis hin zu einer aggressiven Parteinahme für den jeweiligen „Schützling“ in Abgrenzung zu den Konkurrentinnen. Von den jungen Mädchen wird ein totales Aufgehen in der fiktiven Identität unter Aufgabe persönlicher Interessen (die über die professionelle Aufgabe hinausführen) verlangt.


Spontane Reaktionen: „Die spinnen ja, die JapanerInnen“. Bedient alteingebrannte Klischees. Eine Nummer kleiner: „Japan, das Land des lächelnden Kapitalismus.“ Auch nicht gerade neu. „Japaner können alles, nur nicht Sex.“ Liegt ziemlich weit von der Realität entfernt. „Es gibt nichts, was sie nicht vermarkten können.“ Kennen wir.


Immerhin bemüht sich der Autor um historische Fundierung, geht dabei bis auf die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Tatsächlich könnte man noch ein paar Rückwärtsschritte dazu legen:

Noch vor Ausbruch des Ersten (!) Weltkriegs startete in Takarazuka, einer nahe Osaka gelegenen Kleinstadt, ein Unternehmer ein ziemlich modernes und komplexes Unternehmen: Er rief in Takarazuka eine „Mädchenoper“ ins Leben und erbaute gleichzeitig eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen diesem Ort (mit betuchten Einwohnern) und der Metropole Osaka. Diese Bahn shuttelte die Bürger von Takarazuka nach Osaka, wo die Bahnlinie im 3. Obergeschoss eines Kaufhauses endete, das ebenfalls der Bahngesellschaft gehörte. Es ließ die Passagiere dort schoppen und essen und wer weiss noch was, um sie dann abends wieder nach T. zurück zu schaffen. Umgekehrt schickte sie die Bürger von Osaka nach T., wo diese Gelegenheit hatten, sich an der Mädchenoper und vielleicht auch an den Mädchen zu delektieren.

Neu damals war die industrielle Vermarktung der Schauspielerinnen, sei es als Künstlerin, sei es als Gespielin. Die neuen Medien (vom Film über die Printmedien bis hin zur Eisenbahn – auch die ein Medium) ermöglichten eine Mehrfachnutzung der Mädchen: Für den reichen Patron mit exklusivem Zugriff, wie auch für den weniger Begüterten, dem Presse und Film ermöglichten, erotische Traumbilder zu generieren und daraus herrührende Bedürfnisse zu befriedigen. Nicht exklusiv, aber wir stehen ja am Beginn des Zeitalters des Massenkonsums: Die Traumfrau im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit. Es war ein Schritt in Richtung Kunst/Künstlerin für jedermann, eine Art ALDI-Kunst.

Der Begriff „Künstlerin“ selber weist noch weiter in die Vergangenheit zurück: „geisha“ (芸者) ist die nahezu wörtliche Wiedergabe von „Künstlerin“, auch wenn der Kunstbegriff in diesem Milieu durchaus weiter gefasst war. Unterhaltung mit den Mitteln des Gesangs und Tanzes, aber auch der Erotik war ihr Metier. Sie war Eigentum ihres Patrons, mit dem sie ein eheähnliches Verhältnis pflegte (unbeschadet dessen, dass dieser in aller Regel verheiratet war). Zugleich war sie eine Frau, für die all die sozialen und persönlichen Restriktionen einer „Ehefrau“ (okusan 奥さん : Dame des Hauses, genauer: des Hausinneren, also zuständig für den formalen Betrieb des Hauses) nicht galten, die eine Frau für das gesellschaftliche oder gesellige Leben war, wo sie mehr oder minder große Runden ausschließlich von Männern als erotischer Animateur nach ihrer Pfeife tanzen ließ. Nein, keine Swinger-Partys (dazu reichte das weibliche Personal zudem nicht), es ging stilvoller, kultivierter zu im alten Japan. Aber man kam durchaus zur Sache.

Es wäre völlig unsinnig, „das“ Bild „der“ Geisha zeichnen zu wollen: in einer streng hierarchischen Gesellschaft gab es entsprechend differenzierte Tönungen bei den Damen des Unterhaltungsgewerbes. Und wer wollte bezweifeln, dass gekonnter Sex – echt oder gespielt- unterhaltsam ist!


Zurück zum frühindustriellen Japan: Dieses Geschäftsmodell – Eisenbahn – Kaufhaus – Schauspiel – war so erfolgreich, dass es rasch Nachahmer fand. Zumindest die Kombination Kaufhaus–Vorortbahn. So in Tokyo, wo noch heute die Privat-Vorortbahnen von Umsteigepunkten der einst staatlichen Ringbahnlinie (Yamanote-sen) in die Schlafstädte am Rande der Metropole führen. Und an diesen Knotenpunkten finden sich, wer hätte es gedacht – Kaufhäuser! Theater dagegen blieben die Ausnahme.

Die Mädchenoper von Takarazuka dagegen machte landesweit Furore, auch auf Auslandstourneen fuhr sie Erfolge ein (so im Berliner Friedrichstadt Palast). Das Rezept? Im Gegensatz zum traditionellen japanischen Theater (Nô, Kabuki), wo nur Männer auftreten (Warum? Das ist auch eine spannende Geschichte!), spielen im Takarazuka ausschließlich Frauen, auch die Männer- oder Hosenrollen. Sie wurden besonders in den Jahrzehnten nach dem Ende des 2. Weltkriegs von weiblichen Teenagern umschwärmt, zu deren Idolen sie wurden, geschuldet einer unterdrückten beziehungsweise verdrängten Sexualität. Dennoch war es keineswegs Ausdruck einer Lesbianisierung der weiblichen Jugend des Landes, vielmehr dienten gerade die Darstellerinnen von Hosenrollen als Identifikationsfiguren einer um eigene, echte Liebeserlebnisse betrogenen Generation. Die Schwärmerei für die Schauspielerinnen war die einzige zugelassene Leidenschaft für das männliche Geschlecht, auch wenn dessen Männlichkeit nur Fassade war.

Heute sind diese gesellschaftlichen Restriktionen weitgehend gelockert, dennoch findet diese einstige Jugendkultur (einschließlich ihrer weit in die Vergangenheit zurückreichenden Vorläufer – das würde hier wirklich zu weit führen) ihre Nachfolge in Phänomenen wie AKB 48 und anderen.

Ebenfalls nicht neu ist auch der Lolita-Kult (siehe oben; mit dem Zusatz: mit 18 ist alles vorbei, dann werden die wilden Mädchen zu züchtigen Hausfrauen umgemodelt). Auch hier zeigt ein Blick in die Vergangenheit erstaunliche Parallelen, sei es zwischen den erotischen Holzdrucken (shunga 春画) selbst der namhaftesten Künstler und den Bildern der Internet-Pornowelt der Schulmädchen (kogal). Die Klientel, die diese Bilder heute wie früher goutiert[e], dürfte gleich geblieben sein: alternde Männer in Torschlusspanik.

Letztlich kann man den Erfolg solcher Mädchengruppen mit ihren erotischen Selbstinszenierungen auch als Versuch der Domestizierung des sexuellen Wildwuchses unter Mädchen sehen, die sich prostituieren (müssen?), um sich die Produkte kaufen zu können, für die sie mit ihren Körpern werben.

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Übrigens berichtete Spiegel Online bereits fast eineinhalb Jahre früher über diese Gruppe. Dennoch oder gerade deshalb stellt sich die Frage: Wollen oder müssen taz-Leser denn wirklich alles wissen? Und das angesichts einer vom amtierenden Ministerpräsidenten Abe rücksichtslos gefahrenen roll-back-Politik, die nicht nur die Wiederinbetriebnahme der Atomkraftwerke verfolgt, sondern auch die Aushebelung des in der Verfassung festgeschriebenen Kriegsverzichts.