Sehr geehrter Herr Hans Olaf Henkel,
beim Ordnen etwas angestaubter Unterlagen habe ich die Niederschrift eines im Inforadio RBB mit Ihnen geführten Interviews gehört, das wohl aus Anlass des Erscheinens Ihres Buchs „Der Kampf um die Mitte“ gesendet wurde. (Nur am Rande sei vermerkt, dass mich der Titel in unglücklicher Weise am Hans Sedlmeyer erinnert, der seine Abrechnung mit der modernen Kunst unter dem Schlagwort „Verlust der Mitte“ geführt hat.) Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich Ihnen schreibe. Vielmehr ist mir eine Bemerkung von Ihnen wie ein Kloß im Hals stecken geblieben, dessen ich mich entledigen muss. Sie sagten in dem Interview, sie wollten „Bürgerlichkeit“ nicht definieren, sondern vielmehr am Beispiel Ihrer Eltern illustrieren, was Sie damit meinen. Ihr Vater habe Freunde zu sich nach Hause eingeladen und mit diesen gemeinsam Hausmusik gemacht.
„Ja, wo gibts denn heute noch so was?“ kommentieren Sie diesen Vorgang. Ich kann Sie beruhigen: Gerade in Berlin, wo Sie eigener Aussage nach leben, zu Hauf! Ich selber zähle zu diesem Kreis. Und ich weiß, dass es unter den leidenschaftlichen Haus- und Kammermusikern zahlreiche „Linke“ gibt, zu denen ich mich auch rechne.
Es mag sein, dass die Hausmusik bei der Identitätsfindung des Bürgertums vor allem im 19.Jahrhundert eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat (s. Peter Schleuning: „Der Bürger erhebt sich“.Hamburg 1984). Sie allein für das Bürgertum zu reklamieren, geht dann aber wohl doch zu weit.
Mit Interesse habe ich dem Interview auch entnommen, dass Ihre Mutter per Leiter Bücher aus der Bibliothek des Hauses herbeischuf. Und? Wer hat die Bücher gelesen? Ihre Frau wohl nicht, von der haben Sie sich 2004 ja scheiden lassen, um ein Jahr später eine andere „still und heimlich“ zu ehelichen, wie die B.Z. zu berichten weiß. Die war klug, hat selber Bücher gelesen und manches auch geschrieben. Sie wurde Professorin und hatte es nicht nötig, Henkels Bücher herumzutragen.
Ich denke, dass die Sache mit den Büchern viel eher „Bürgerlichkeit“ ausmacht. Warum also jammern Sie jetzt? Fehlt Ihnen was? Die „ökonomische Vernunft“, deren einflussreichste Stimme Sie sind – folgt man „Cicero“ – hatte damals ihre frühe Ausprägung erfahren.
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Was also lernt uns das? Mädels, heiratet nie einen Typen, der euch Bücher tragen lässt! Auch wenn er noch so sehr den zukunftsträchtigen Studi raushängen lässt. Er heiratet früher oder später doch ´ne andere.