Sehr geehrter Herr Hans Olaf Henkel,

am letzten Sonntag habe ich im Inforadio RBB ein Interview mit Ihnen gehört, das wohl aus Anlass des Erscheinens Ihres jüngsten Buchs „Der Kampf um die Mitte“ zustande kam. Nur am Rande sei vermerkt, dass mich der Titel in unglücklicher Weise am Hans Sedlmeyer erinnert, der seine Abrechnung mit der modernen Kunst unter dem Schlagwort „Verlust der Mitte“ geführt hat.

Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich Ihnen schreibe. Vielmehr ist mir eine Bemerkung von Ihnen wie ein Kloß im Hals stecken geblieben, dessen ich mich unbedingt entledigen muss. Sie sagten in dem Interview, sie wollten „Bürgerlichkeit“ nicht definieren, sondern vielmehr am Beispiel Ihrer Eltern illustrieren, was Sie damit meinen. Ihr Vater habe Freunde zu sich nach Hause eingeladen und mit diesen gemeinsam Hausmusik gemacht.

„Ja, wo gibt’s denn heute noch so was?“ kommentieren Sie diesen Vorgang. Ich kann Sie beruhigen: Gerade in Berlin, wo Sie eigener Aussage nach leben, zu Hauf! Ich selber zähle zu diesem Kreis. Und ich weiß, dass es unter den leidenschaftlichen Haus- und Kammermusikern zahlreiche „Linke“ gibt, so auch mich.

Es mag sein, dass die Hausmusik bei der Identitätsfindung des Bürgertums vor allem im 19.Jahrhundert eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat (s. Peter Schleuning: „Der Bürger erhebt sich“, Hamburg 1984). Sie aber allein für das Bürgertum zu reklamieren, geht wohl doch zu weit.

Dass das Fehlen von Hausmusik aber ein Charakteristikum der linken Szene sei, halte ich für eine Fehleinschätzung. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die bürgerliche Mitte musiziert nicht mehr selber, sie lässt musizieren. Ich kenne viele Berufsmusiker, die sich mit Hauskonzerten bei Bankdirektoren eine goldene Nase verdienen. Dass es also „so was“ nicht mehr gibt, hat auch etwas mit der Kapitalisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche zu tun.

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Mit Interesse habe ich dem Interview auch entnommen, dass Ihre Frau Mutter per Leiter Bücher aus der Bibliothek des Hauses herbeischuf. Und? Wer hat die Bücher gelesen? Ich denke, dass das viel eher „Bürgerlichkeit“ ausmacht.