Betr.: Fundsachen. Alte Entwürfe im neuen Licht
über unsere Medien wird die Meldung verbreitet, dass Sie planen, im kommenden Frühjahr ein Gebäude in Berlin in die Luft zu sprengen. Dabei soll es sich um den Reichstag handeln. Informant soll ein Ihnen einstmals nahe stehender Mann gewesen sein, daher erscheint die Nachricht durchaus glaubwürdig.
Ich weiß nicht, ob Sie den Reichstag aus unmittelbarer Anschauung kennen. Es handelt sich um einen recht düsteren Bau, der „Dem deutschen Volke“ gewidmet wurde zu einer Zeit, da dessen Mehrheit noch gar kein Wahlrecht besaß. Architektonisch war er kein Glanzstück, doch zeigte sich, dass man ihn vollständig einwickeln kann, was ihn zum Vorbild für Energiesparhäuser späterer Jahrzehnte werden ließ.
Insofern hätte ich eigentlich gar nichts dagegen, wenn Sie ihn in die Luft sprengen würden, wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre: Durch den Umbau des britischen Architekten Sir Norman Foster erhielt das Reichstagsgebäude eine neue Kuppel, die, da tagsüber und bis spät in die Nacht begehbar, einen Einblick in das Dasein (oder Fernbleiben) der Abgeordneten ermöglicht. Die werden bei ihrer Arbeit von Bürgern gestört, die über ihren Köpfen herumturnen. Und das hat ja einen hohen Symbolwert, nicht wahr? Wo in der Welt gibt es solch ein Parlamentsgebäude schon? Sehen Sie, und genau aus diesem Grunde möchte ich Sie bitten, nicht gerade dieses Gebäude in die Luft zu sprengen.
Außerdem: Der Effekt wäre gering, denn meist sitzen dort sowieso nur zwanzig oder dreißig Parlamentarier herum, das lohnt doch den ganzen Aufwand nicht!
Es gibt doch so viele Bauwerke in Berlin, die es weitaus eher verdient hätten, dekonstruiert zu werden! Könnten Sie nicht eines davon küren? Hier einige Vorschläge: In ein paar Jahren wird eine Replik des Berliner Schlosses errichtet, die hätte es am ehesten verdient. Das Original hat man bereits nach Kriegsende gesprengt, das hat ziemlich gut geklappt. Wenn Sie nicht so lange warten wollen, bis der Bau errichtet worden sein wird, empfehle ich ersatzweise „Das Schloß“ in Berlin-Steglitz zu nehmen, ein Einkaufszentrum von so erlesener Hässlichkeit, dass niemand sich über die entstehende Baulücke ärgern würde.
Wenn Ihnen die Wahl dieses Gebäude wegen dessen Nähe zu der in arabischen Ländern bevorzugten Ästhetik zu heikel erscheinen sollte, schlage ich den gegenüber stehenden „Kreisel“ vor, ein Hochhaus von solch frappierender Ausdruckslosigkeit, dass es, gäbe es eine Liste der Bauwerke, die niemals in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen werden würden, mit Sicherheit einen der vorderen Ränge belegen würde. Außerdem ist es zur Zeit leer stehend, und das schon seit Jahren. Sie würden mit der Sprengung dieses Hauses nicht nur eine geschmackbildende Großtat vollbringen, sondern sich auch auf immer einen Ehrenplatz in den Herzen der Steglitzer Bürger sichern. Zugleich würde dies zur Aufwertung Ihrer Organisation beitragen und Sie somit ihren Zielen näher bringen. Denn, nicht wahr, Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten und zugleich anerkannt werden. Das erreichen Sie auch, wenn Sie einige der Multiplex-Kinos, die sich wie Schimmel über die Stadt ausgebreitet haben, ins Auge fassen würden.
Sehr geehrte Damen und Herren Terroristen, bitte überdenken Sie im Lichte dieser Argumente Ihre Pläne. Es gibt durchaus noch weitere Objekte, die für Ihr Vorhaben in Frage kämen (etwa der neue Großflughafen, der bei der Bevölkerung aus vielerlei Gründen äußerst unbeliebt ist), ich bin gern bereit, Ihnen weitere detaillierte Vorschläge zu unterbreiten. Da das aber einige Zeit dauert, bitte ich vorab um ein Zeichen Ihres grundsätzlichen Einverständnisses, ehe ich mich an die Arbeit mache.
Ihrer geschätzten Antwort sehe ich mit brennendem Interesse entgegen. Hochachtungsvoll …
PS: Und schon haben wir den Salat! Die Kuppel über dem Reichstag ist gesperrt und wir können unseren Volksvertretern nicht mehr auf die Finger sehen. Vor allem können wir nicht mehr sehen, ob überhaupt noch einer zugegen ist.