Es ist eines der Problemwörter der deutschen Sprache. Seine Bedeutung lässt sich vielleicht am Besten so beschreiben: „etwas zum temporären Gebrauch überlassen“. Das Tückische: nur der Kontext gibt an, wer wem etwas überlässt:
„Er leiht sich Geld von jemanden.“ (passives Leihen = „ausleihen“)
„Jemand leiht ihm Geld.“ (aktives Leihen = „verleihen“)
Die Adjektive „aktiv“ und „passiv“ sind hier nicht im grammatischen Sinn gebraucht, eher sollen sie den Handlungsverlauf beschreiben. Im ersten Satz kann „von jemandem“ (Agens = indirektes Objekt) auch weggelassen werden, ohne dass der Satz im grammatikalischen Sinn unvollständig würde. Im zweiten Beispiel dagegen ist das nicht möglich, da das Agens hier grammatisches Subjekt ist und subjektlose Sätze im Deutschen nicht einmal beim Kneipensprech vorkommen. Selbst das in Berlin so populäre „haik“ verfügt über ein veritables Subjekt, nämlich „…i[c]k“.
Andere Sprachen verfügen über unterschiedliche Verben für beide Handlungen: „to lend / borrow“. Auch das Japanische, das sonst im europäischem Sprachraum unterschiedene Sachverhalte gern in einem Wort zusammenfasst („blau / grün“ = aoi), differenziert hier: „kariru / kasu“
Da Leihen unter Verwandten, Bekannten oder Freunden schon immer im Ruf stand, Ursache von Zerwürfnissen werden zu können, schufen die Menschen frühzeitig neutrale Institutionen, über die der Leihvorgang abgewickelt wurde. Die volkstümlichere Variante nannte sich „Leihhaus“, die bürokratische „Bank“. Meist wechselte dort Geld für eine bestimmte Zeit den Besitzer, wobei eine Sicherheit hinterlegt werden musste, etwa Schmuck oder ein Pelzmantel. Sinnvoll sind kleine und gut tragbare Gegenstände, weil dann zusätzliche Transportkosten entfallen. Aber auch Immobilien machen sich gut, weil man die – das legt der Name nahe – nicht transportieren muss. Als Student brachte ich regelmäßig meine (vom ersten selbstverdienten Geld gekaufte) Reiseschreibmaschine ins Leihhaus, um die letzten Tage des Monats bis zum Eintreffen der monatlichen Überweisung meiner Eltern von dem dafür geliehenen Geld zu leben. Das hatte den zusätzlichen Vorteil, dass ich zu strenger Rückgabe-Disziplin gezwungen war, denn die Schreibmaschine war mein elementares Produktionsmittel. So ist eine Leihbibliothek eine Einrichtung, die Bücher verleiht , zugleich aber auch eine, in der man Bücher (aus)leihen kann. Der Leihschein bescheinigt, dass jemand etwas ausgeliehen hat, aber auch, dass ihm jemand (der Verleiher) etwas geliehen hat. Und die Leihgebühr ist der Geldbetrag, den der Ausleihende berappen muss und den der Verleiher für seine Dienstleistung erhält.
Heutzutage werden auch Menschen verliehen beziehungsweise ausgeliehen. Dabei übernimmt der Mensch die Rolle des Kapitals, das temporär den Besitzer wechselt. Der Geschäftspartner A benötigt einen Menschen mit einer bestimmten Qualifikation, Partner B besitzt einen solchen und erklärt sich bereit, ihn für eine bestimmte Zeit A zur Verfügung zu stellen. Dafür zahlt A an B eine bestimmte Summe, von der B dann den verliehenen Menschen entlohnt. Die Differenz zwischen Leihgebühr und Lohnsumme (der Rest also) – die es natürlich geben muss, sonst funktioniert das Ganze nicht – steckt B in die eigene Tasche. Auf diese Weise hat sich in den letzten Jahren eine ganze Branche neu etabliert: die Leiharbeit.
Neu ist, dass das Leiharbeiter-Prinzip nun auch im Profi-Fußball Fuß gefasst hat. Junge Spieler, meist aus dem eigenen Nachwuchs, die für den Kader der A-Mannschaft zumindest noch eine Nummer zu klein sind, werden an meist spielschwächere oder unterklassige Vereine ausgeliehen, für die sie eine Verstärkung der spielerischen Potenz bedeuten und zugleich die Möglichkeit erhalten, Spielpraxis zu erwerben und so zu „reifen“. Dieser Reifeprozess wird vom entleihenden Verein durch Beauftragte ebenso beobachtet und befördert wie von dem ausleihenden. Es handelt sich also um eine Mischform aus Leiharbeiterwesen und Leihmuttertechnik: Das fußballerische Embryo wird in den Uterus einer anderen Mannschaft transplantiert, um nach der Geburt an die genetische Mutter zurückgegeben zu werden. Es sei denn, die ist mit dem Ergebnis nicht so ganz zufrieden, dann hat der austragende Verein eine Chance, sein Kuckuckskind zu behalten. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, werden die Modalitäten der Rückgabe vertraglich festgelegt
Man liest erstaunliche Zahlen über die Leihspielerpraxis in den deutschen Bundesligen: Allein in der ersten Klasse seien 24 Leihspieler bei fremden Vereinen aktiv. In den unteren beiden Klassen, deren Vereine und Spieler ja mit Vehemenz an das Licht der Sonne drängen, dürften es eher noch mehr sein. So baut sich in unserer Vorstellung ein Szenario auf, das zu einem Gutteil bereits Wirklichkeit geworden sein könnte: Über Strohmänner und Scheinverträge könnte in nicht allzu ferner Zukunft das gesamte Spielerkapital aller Mannschaften der Ersten Bundesliga im Besitz des FC Bayern München sein. Der trägt dann sämtliche Spiele dieser Spielklasse gewissermaßen im Kreis der Familie aus. Und was auch immer auf dem deutschen Meister draufstehen mag – drin ist Bayern München.