Die S-Bahn in Berlin hat, so lange ich sie benutze und wahrscheinlich noch viel länger, Abteile, in denen Lasten transportiert werden können. Dienstabteile hießen die früher. Vielleicht weil in diesen karg ausgestatteten Holzbankabteilen Eisenbahner, den Blicken der sonstigen Passagiere entzogen, zum Einsatz gefahren wurden. Aber natürlich konnte auch Gepäck transportiert werden. Einst waren das wohl Rücksäcke, Koffer und ähnliche, gefüllte Transportbehälter auf der Rückfahrt von einem Landausflug oder der Ernte im Schrebergarten, am Sonntag vielleicht auch mal ein Faltboot für den Ausflug ins Grüne. Heute sind es in der Regel Fahrräder. In diesen Abteilen – jetzt sind es blickoffene Sektionen – sind die Sitzplätze nach wie vor entlang der Außenwände des Wagens angebracht. So ist zwischen ihnen Raum für jede Menge Gepäck. Um diesen Raum nötigenfalls noch zu vergrößern, sind die Bänke heute in Einzelsitze unterteilt und diese wiederum einzeln hochklappbar. Auf diese Weise könnte man einen mittleren Elefanten in der S-Bahn transportieren. Darf man aber nicht.

Diese Einzelsitze sind recht schmal. Vielleicht haben beim Entwerfen zierliche Bahnmanagergattinnen (oder –geliebte?) Modell gesessen. Auf jeden Fall stimmen sie nur in den seltensten Fällen mit dem Körpervolumen des real existierenden Fahrgasts überein. Der ist ja bekanntlich ein Unterschichtenmensch und entsprechend füllig.

Wie nun umgehen mit solch schmalen Sitzen? In der Praxis hat es sich eingebürgert, dass nur jeder zweite Sitz von einem Passagier eingenommen wird. Manche stehen lieber, als sich zwischen zwei XXL-Reisende zu zwängen. Was diesen Trend weiter verfestigt und das Sitzplatzangebot entsprechend reduziert.

Ich will nicht behaupten, dass die konventionell angeordneten Sitze mehr Menschenpofläche Platz bieten, doch die Hühnerleitersitze weisen ja zwischen sich einen Spalt auf und der verkleinert die Sitze, zumindest optisch. Mit dieser Situation nun könnte man leben, es pendelt sich so irgendwie ein, auf den freien Plätzen liegt mal eine Tasche (ist ja Gepäckabteil), mal ein Kind oder auch ein halber Po. Gelegentlich missverstehen Fahrradfahrer das ganze Arrangement und stellen ihre Fahrzeug vor drei freie Sitze um selber mit nur zweien, natürlich daneben, vorlieb zu nehmen. Immerhin kann so ein einzelner Fahrgast glatt fünf Sitzplätze in Beschlag nehmen.

So weit, so schlecht. Wenn nicht seit einigen Jahren der Hang zur Völlerei zunehmen würde. Nein, ich meine jetzt nicht das öffentliche Essen in der Ess-Bahn. Sondern die Folgen des Essens überhaupt: Die Fahrgäste werden immer dicker.

Wer ist schuld daran? Die S-Bahn GmbH selbst! Ich habe die Bahnhöfe als Quell des Übels ausgemacht. Kaum ein Bahnhof ohne Backshop oder Würstchenbude. Sogar relativ aufwendige Gastronomien wie die asiatische finden sich. Das Kalkül ist durchsichtig: Wo Menschen warten, langweilen sie sich. Und wenn sie sich langweilen, ist der Griff zu Essund Trinkbarem eine nahe liegende Reaktion. So wie halt auch beim Fernsehen. Dort haben sie bereits einen Namen: Couch-Potatoes. Statt nun die Zugabstände zu verkürzen oder die Züge überhaupt pünktlich fahren zu lassen, werden die Zwischenräume mit kulinarischen Angeboten gefüllt.

Um den Umsatz noch zu befördern, wurden Anzeigetafeln auf den Bahnsteigen angebracht, die jetzt auch Angaben über die angebliche Dauer bis zum Eintreffen des nächsten Zugs enthalten. Zeit genug für eine Stärkung ist fast immer, je weniger Züge fahren, um so mehr. Und so verhält sich der typische Fahrgast: Atemlos erreicht er den Bahnsteig, ein kurzer Blick auf die Anzeigetafel und er ist informiert, ob die Zeit reicht, sich noch ein Schinken-Käse-Schnitte warm machen zu lassen, oder ob er sich nur noch ein erkaltetes Croissant auf die Faust leisten kann. Das Angebot ist inzwischen so ausdifferenziert, dass alle vorkommenden Zeiträume versorgt werden können.

Verspätungen sind bei der S-Bahn vielleicht nicht sehr häufig (aber sie kommen vor!), dafür wird bei den Regional- und Fernreisezügen kräftig in die Vollen gegangen. Ein Beispiel: An einem Wochenende im Sommer stand ein Ausflug nach Görlitz auf dem Programm. Dazu muss man in Cottbus umsteigen. Normalerweise reicht die Zeit von 2 Minuten dazu aus. Doch an diesem Wochenende ist zwischen den letzten beiden Teilstrecken vor Cottbus Schienenersatzverkehr (SEV) angesagt. Die Busse sind natürlich spät dran und der Anschlusszug wartet nicht. Warum auch, denn jetzt greift folgendes Szenario: Der nächste Zug nach Görlitz geht in knapp einer Stunde, nicht genug Zeit, um eine eingehende Stadtbesichtigung zu unternehmen (denkt der Ahnungslose, doch er irrt!). So bleibt er im Bahnhofsgebäude, das schick ausgebaut ist, voll gestopft mit gastronomischen Dienstleistern. Doch da gerät er in eine Hölle von Düften: Pizza mit Bratwurst, Döner und Kaffee, alles durchmischt sich hier. Man muss schon recht hart gesotten sein, um diesen Verlockungen zu widerstehen. Alles was an diesem Bahnhof sehenswert sein könnte, hat man in den ersten fünf Minuten des Zwangsaufenthalts gesehen. Und man beginnt sich zu langweilen. Und wer sich langweilt … siehe oben. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere.

Und so kommt es, dass der moderne Bahnhof voll kauender Menschen ist. Die dadurch immer dicker werden. Und die Sitze im Vergleich dazu immer enger. Das erfordert eigentlich neue Wagen mit breiteren Sitzen, will man den Fahrkomfort wahren. Doch hier scheint die Kette konsumistischer Logik abzureißen.

Wir aber werden die Entwicklung weiter verfolgen und rechtzeitig Alarm schlagen, wenn die Sache aus dem Ruder zu laufen droht. Vielleicht handelt es sich ja bei den aktuellen Problemen der Berliner S-Bahn mit den Bremsen in Wirklichkeit um Folgen einer Überlastung des Fahrgestells?

PS: Dabei hatte zumindest die Berliner U-Bahn einstmals einen fast schon revolutionär zu nennenden Ansatz verfolgt. Es ist schon einige Jahre her, da konnte man in den Zügen wöchentlich wechselnde Gedichte auf Aushängen lesen. Und darüber nachdenken. Oder Kurzfilme betrachten. Und über sie abstimmen. Noch weiter zurück datiert eine Plakataktion, die für das Benutzen öffentlicher Nahverkehrsmittel mit dem Satz warb: „Langeweile ist der Anfang jeder Philosophie.“ Wo philosophieren die Berliner jetzt wohl?