Ich habe einen Tag Urlaub vom Studium der Medien gemacht und bin nach Oranienburg gefahren. Warum Oranienburg? Nun, ich habe die neue „Rentnerkarte“ des Verkehrsverbunds und darf beliebig lange und beliebig weit in Berlin und ganz Brandenburg rumkurven. Und wusste nicht, wohin. Zu weit von Berlin sich entfernen, kann gefährlich sein, weiß man doch nie, ob man noch vor Sonnenuntergang zurückkommt. Die Karte gilt zwar bis 3 Uhr nachts, doch man kann sich ja nicht sicher sein, ob da in der Pampa noch irgendwas fährt. Diese Erfahrung habe ich neulich im Rhein-Main-Gebiet gemacht. Wollte nach Worms und bin in Bensheim hängen geblieben. An einem Samstag nach 19 Uhr. Das, so schwur ich mir, soll mir ein zweites Mal nicht passieren. Also raus aus dem Nest, aber mit einem Bein noch drin geblieben.

Im Bahnhof von Oranienburg angenommen, betrat ich die Reisebuchhandl- ung, um einen Stadtplan zu erstehen. Einen Buchladen gab es immerhin, während als Toilette ein von Wall aufgestellter Container diente, vor dem sich stets etwa acht Personen die Beine vertraten. Es waren allerdings, wie ich bei mehreren Vorbeiläufen feststellen könnte, immer andere acht Ponen, so dass ich die Möglichkeit, es seien Angestellte des Bau-Unternehmens, die für einen zweiten Container demonstrierten, ausschloss.

Der für Berlin-Brandenburgische Verhältnisse ausnehmend freundliche Verkäufer fragte mich, ob ich zur Laga wolle. Ich interpretierte dies als eine dem hier gepflegten (kann man das eigentlich so sagen?) Dialekt geschuldete artikulatorische Nachlässigkeit und erwiderte: „Sie meinen das Konzentrationslaga?“ Ein überraschter Blick traf mich, dann wurde seine Stimme amtlich: „Zur Landesgartenschau! Dazu brauchen Sie nämlich keine Karte.“ Ich verneinte und durfte den billigsten Stadtplan kaufen.

Erst als ich in ihn hinein schaute, stellte ich fest, dass es eine Stadt, die diesen Namen verdient hätte, eigentlich nicht gibt. Aber auch in realiter existierte sie nur spärlich. Das Schloss, in weiße Farbe getaucht, eine Kirche und ein altes Speicherhaus fielen mir auf, der Rest waren Klein- gartenkolonien (wahrscheinlich im Besitz Berliner Kleingrundbesitzer), und farblich hochgetunte DDR-Bauten. Kein Wunder, der Hauptsponsor war offensichtlich ein Baumarkt, der das Orange als Farbe in seinem Logo führt.

Oranienburg, soviel war mir bekannt, wurde im Zweiten Weltkrieg häufig zum Ziel alliierter Bombenangriffe, da dort zahlreiche Rüstungsbetriebe ansässig waren. So blieb von der einst sicher sehenswerten Stadt nicht viel übrig. Was soll man dazu sagen? Soll man dem Verlust nachtrauern? Oder darüber klagen, dass der Wiederaufbau so lieblos vollzogen wurde. Auch westdeutsche Orte blieben nicht vom Wiederaufbau verschont. Etwa Worms. Was wiederum nicht erklärt, weshalb man dort nach 19 Uhr nicht mehr hinfahren darf.

Am Abend zuvor hatte ich beim TV-Zappen Thomas Mann gesehen, wie er in das Bild des von Bomben zerfressenen Lübeck hinein sprach. Sinngemäß sagte er: Beim Anblick seiner zerbombten Heimatstadt habe ihm das Herz geblutet. Doch dann sei ihm bewusst geworden, dass dieser Zerstörung die Zerstörung anderer europäischer Städte durch die Deutschen vorausge- gangen sei. Und er habe nach einigem Nachdenken gefunden, dass die Zer- störung Lübecks angemessen gewesen sei. Er hat das viel schöner, eben nobelpreiswürdig gesagt.

Könnten wir diese so notwendigen Worte zur rechten Zeit nicht an den Rathäusern aller im Krieg durch Bomben und danach durch geldgierige und arbeitsscheue Architekten zerstörten deutschen Städte anbringen lassen? Als Kunst am Bau.