Die Berlinale – sie ist für dieses Jahr bereits vorbei – schickt sich an, in eine neue Dimension des Filmgenusses vorzustoßen, durchaus im wörtlichen Sinn! Auch wenn es das Kulinarische Kino auch im letzten Jahr schon gab – diesmal sollte die einstige Randerscheinung zum hard core avancieren.
So wird das passende Essen zum Plot von einer eigens dazu einberufenen Jury ausgewählt. Dass das nicht ohne Querelen abgehen wird, liegt auf der Hand, es drohen Richtungskämpfe. Ich stelle mir vor, (noch liegt diese Kombi ja in den Windeln), dass ähnlich wie vor der Entwicklung des Tonfilms live zur Filmkonserve gekocht wird (so wie einst ein Klavier oder kleines Orchester zum Geschehen spielte, so dass in „Frühstück bei Tiffany“ die Gerüche zeitgleich zu bestimmten Handlungsabläufen das Publikum erreichen.
Wenn da nur nicht ein Hindernis wäre, die Physik. Denn die unterschiedliche Materie bewegt sich höchst unterschiedlich schnell durch das Zeit-Raum-Kontinuum, am schnellsten das Licht, während der Schall eher gemächlich daherkommt, ganz zu schweigen von den Gerüchen. Weiß eigentlich jemand, wie schnell oder wahrscheinlich langsam sich Gerüche fortbewegen? Ich vermute, sie tun dies langsamer als das Licht und obendrein wohl unterschiedlich schnell. Das bedeutet aber, dass die Synchronisation von Handlung und ihrer olfaktorischen Repräsentanz nicht stimmig ist. Während sich die Zuschauer noch an dem Schoko-Geruch der Protagonistin delektieren, beherrscht schon längst der Bösewicht die Szene. Seine Whisky-Fahne wird nachgereicht.
Wir sehen also, dass das nicht so ganz einfach werden dürfte, Irgend wann aber wird es den Durchbruch geben: die Gerüche werden endogen erzeugt und mittels sinnvoller Apparaturen zeitgleich mit Bild (Licht) und Ton (Schall) in den Saal entlassen. Oder, raffinierter noch, es werden bestimmte Gerüche (oder Geschmäcke), die wir in unserem Archiv der Sinne gespeichert haben, mittels integrierter Signale aus dem Film heraus aufgerufen und so zeitgleich mit dem Geschehen wahrgenommen.
Was dann aber auf uns Kinobesucher zukommt, kann man nur ahnen: Schon jetzt bin ich vom Popcorn Geruch genervt und möchte am liebsten das Kino fluchtartig verlassen. Doch der wird live von den Zuschauern selber erzeugt. Überdies werden die filmbzogenen Gerüche uns kaum im reinen Zustand erreichen können, ist doch das Kino voller Störquellen, die nicht gelöscht werden (können). Das Licht im Zuschauerraum kann abgeschaltet werden, der Schall (mit Ausnahe der Handys) ebenfalls, der Geruch, den jeder Zuschauer individuell herbeischleppt, dagegen nicht. Schließlich ist er ein Fernsinn, der auch noch über den Nachbarn hinweg wirkt. So wird sich Vieles, was nicht zusammen gehört, zu einer olfaktorischen Kakoponie mischen.