An ihren Klingeltönen sollt ihr sie erkennen. Abgesehen von der Kleidung, auch outfit genannt, gibt es kaum einen Bereich der Selbstdarstellung, der uns ähnlich tief in die Seele unserer Mitmenschen blicken lässt. Wird also vom Handy deines Nebenmenschen eine bestimmte Melodie herüber geweht, weiß ich, welch Geistes Kind er ist. Meist ist es Kitsch, was an mein Ohr dringt, Endprodukt eines Vorgangs, den mein Kunstlehrer am Gymnasium als „Seelenblähungen“ zu bezeichnen pflegte.
Ich sitze in der Berliner U-Bahn. Von irgendwoher schwebt eine sanfte Fagottmelodie durch den ratternden und quietschenden Zug. Ich rucke innerlich zusammen. Die erste Phrase wird wiederholt – aber so steht das nicht in Strawinskys Partitur. Die innere Spannung wächst, denn die Melodie wird erneut wiederholt. Dann atme ich entspannt aus – es ist ein Klingelton!
Strawinskys Anfangstakte aus „Le Sacre du Printemps“ als Klingelton! Wer ist so kühn, gegen den Mainstream elektronisch generierter Signalmelodien zu schwimmen und dazu noch im Piano? Bewundernd schaue ich mich um. Die Melodie wird erneut wiederholt, doch niemand reagiert.
Da zupft mich ein kleiner Junge an der Jacke: „Onkel, dein Handy …“. Mein Gott, wie hatte ich das vergessen können! Habe ich mir doch kürzlich mit sehr viel Improvisation bei zeitgleicher technischer Unbedarftheit einen alten Traum erfüllt und das berühmte Fagottsolo des Skandalstückes von 1913 auf mein Handy, das jetzt Smartphone heißt, überspielt.
Lange Zeit hat mich niemand angerufen, immer nur SMS. Und ich habe den ganzen Vorgang irgendwie vergessen. Bis mich der Junge daran erinnerte.
Bei der Uraufführung in Paris haben sich die Zuhörer nochNotenrollen, Zeitungen und Regenschirme um die Ohren gehauen. Heue fällt das Stück durch seine Sanftheit auf. Sic transit gloria mundi.
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Ich hab mir jetzt einen neuen Klingelton gebastelt, auch von Strawinsky. Einen, bei dem man nicht träumt.