In allen Kulturen pilgern Menschen zu ihnen heiligen Stätten, um so Pluspunkte für ihr Seelenheil zu sammeln. Der Gnade Gottes oder einer Gottheit wurden sie zuteil, indem sie sich einer besonderen Anstrengung unterzogen oder indem sie heilige Gegenstände berührten, Reliquien etwa. Solchen Heils- und Glücksbringern, Ersatzgöttern mithin, widmete das inforadio-Magazin „Babylon“ am Karfreitag ein Special. Unter anderem stellte dort ein katholischer Geistlicher einen interessanten, doch nahe- liegenden Zusammenhang her: „Ich weiß nicht, ob Köln eine solch große, bedeutende Stadt geworden wäre, wenn es dort nicht den Schrein der Heiligen Drei Könige gegeben hätte.“ Die Menschen pilgerten dorthin, wo sich Reliquien befanden, dort haben sie gegessen, Unterkunft gesucht, haben Erinnerungszeichen gekauft und so die Wirtschaft an diesem Ort vorangebracht. Sagte der Pfarrer.

Das gilt nicht nur für das katholische Abendland, auch in Japan finden wir gleiches: Vor den Toren gnadenmächtiger Tempel und Schreine siedelten sich schon im Mittelalter Andenkenbuden, Imbisslokale und Herbergen an, die Keimzelle späterer Städte.

Heute hat das Geschäft mit religiösen Heilsbringern vielleicht etwas nachgelassen. Dank der ausführlichen Berichterstattung dieser Tage wurde mir klar, dass auch eine Katastrophe wie der Amoklauf eines Schülers in der schwäbischen Kleinstadt Winnenden einen ähnlichen Effekt haben kann.

Die Stadt war plötzlich voller Menschen. Die wollten helfen, vom Ort des grauenhaften Geschehens in alle Welt berichten, andere kamen in amtlicher Funktion. Schließlich fanden sich Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung ein, um sich ein Bild von dem machen wollten, was schon gar nicht mehr zu sehen war. Dafür hat man das schöne Wort „Katastrophen- tourismus“ geprägt. Und in der Tat, wie der normale Tourismus einen warmen Regen an Geld über einen Ort bringt, so klingelten bald auch in Winnenden die Kassen: Die Menschen, aus welchen Gründen auch immer sie gekommen sein mögen, mussten schließlich essen, schlafen und andere Bedürfnisse befriedigen. Ein Pressezentrum wurde eingerichtet. Für die Bestattungsfeiern und Gedenkrabatten wurden Blumen benötigt, Künstler engagiert.

Die Berichterstattung verrät uns nicht, ob sich die vielen Fremden den Umständen entsprechend angemessen verhalten haben, doch die Vermutung, dass diese Kinder unserer Spaßgesellschaft abends im Ratskeller die Sau rausgelassen haben, ist nicht ganz unbegründet.

Mit oder ohne Party, die Stadt ist ökonomisch auf ihre Kosten gekommen. Vielleicht nur kurze Zeit. Aber das ist auch ein kleines Trostpflaster auf dem schwierigen Weg zurück