Ich habe eine besondere Beziehung zu dieser Kirche in der Mitte Berlins. Ihr Erbauer, der Architekt Franz Schwechten (1841-1924) – er erbaute unter anderem auch den Anhalter Bahnhof in Berlin – hatte einen jüngeren Bruder, Georg (1827- 1902), und der baute Klaviere. Er galt während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als einer der führenden Klavierbauer der Hauptstadt.
Doch wenn Sie es heute mit einem „Schwechten“-Fügel oder-klavier zu tun bekommen, ist das ziemlich sicher aus China. Denn die Chinesen haben dieses Label gekauft und produzieren munter für den europäisch- amerikanischen Markt.
Dieser Georg hatte Kinder und die wiederum ihrerseits Kinder. Eine seiner Enkeltöchter, sie hiess Monika, war meine zweite Freundin, das war noch zur gemeisamen Schulzeit. Doch während diese Romanze noch andauerte, baute die böse DDR eine Mauer quer durch Berlin. Wie viele andere Bewohner dieser Inselstadt suchten Monikas Eltern auch das Weite und zogen nach Kassel. Monika, die ein paar Jahre jünger war als ich, brach die Schule ab und begann eine Ausbildung als Krankengymnastin (heute: Physiotherapeutin). Unsere Beziehung, die ohnehin nicht über die ersten Stufen körperlich bekundeter Zuneigung hinausgekommen war, litt sehr unter dieser Trennung. Anfangs noch wurde unsere zerbrechliche Liebe von dem Enthusiasmus intensiver Emotionen getragen – Monika schickte mir damals täglich zwei rote Briefe aus Kassel nach Berlin, die auch zweimal am Tage ausgetragen wurden – ja, so etwas gab es damals! Und nicht nur für Liebende Ich versuchte mitzuhalten, was nicht so einfach war. Dass sie mir eines Tages dann nicht einen roten, sondern einen weissen Brief schickte, in dem sie mir mitteilte, dass unsere Beziehung beendet sei, war dann keine große Überraschung mehr. Ich studierte schon in Freiburg. In Kassel hätte es nichts zu studieren gegeben, was meinen Neigungen und Interessen entsprochen hätte. Außer Monikas Anatomie. Die zu studieren wäre nicht schlecht, aber auf diesem Gebiet ließ sie mich am ausgestreckten Arm fast verhungern.
Später hörte ich, dass sie nach Kanada ausgewandert und dort nunmehr mit einem Polen oder Tschechen verheiratet sei, dessen Familiennamen sie in männlicher Form trug. Es erging ihr auch nicht anders als zahlreichen Frauen, die mit einem slawischen (oder auch griechischen Partner) verehelicht waren, und als grammatisches Zwitter durch die Namenslandschaft liefen: Eine Frau mit Männernamen! Geschah ihr recht, warum hat sie nicht auf mich gewartet! Immerhin war ich schon so weit, dass ich wusste, was ich nicht studieren wollte.
Das war es dann. Immer wenn ich an der Gedächtniskirche vorbei kam, ballte ich die Faust in der Hosentasche. Aber wirklich lange habe ich ihr nicht nachgetrauert, Monika natürlich.
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Zwanzig Jahre später. Eines Abends klingelte das Telefon. Auf der anderen Seite sprach Monika, mit stark amerikanischem Akzent. Wir trafen uns in einem kleinen Vorstadt-Restaurant und tauschten unsere Lebensgeschichten aus. Monika, die in Seattle lebte und dort eine physiotherapeutische Praxis betrieb, beichtete mir, dass sie regelmässig die Konzertankündigungen durchforschte, um nicht einen möglichen Auftritt von mir in ihrer neuen Heimat zu versäumen. Doch es kamen nur Leute wie Claudio Arrau oder Martha Argarich, mit denen sie nichts verband.
Wir versprachen, uns in Seattle wiederzusehen, über das ich auf meinen Wegen nach Japan hätte fliegen können, doch die deutlich höheren Kosten dieser Verbindung liessen diesen nostalgischen Plan platzen.
Wiederum zwanzig und einige Jahre später trug ich meinen besten Freund seit Grundschuljahren zu Grabe. Während ein Mini-Bulldozer sich abmühte, den Sarg in das zu klein ausgehobene Grabloch hineinzubugsieren, worüber wir uns klammheimlich amüsierten, in dem sicheren Gefühl, dass auch unser toter Freund sich amüsiert hätte, kam eine Frau mittleren Alters auf mich zu, fragte mich, ob ich DF sei und teilte mir, als ich das bejahte, mit, dass Monika vor zwei Jahren gestorben sei. Dann tauchte sie wieder in die Menge der Trauergäste ab. Das war das Letzte, das ich von Monika hörte. Ich recherchierte im Internet, trat einem die Wege von Schulkameraden nach Ende der Schulzeit verfolgendem sozialen Netzwerk bei. Alles umsonst, ich rauschte immer wieder gegen eine Wand.
Monika war in Seattle eine gefragte Schlaftherapeutin geworden, hatte Bücher zu diesem Thema publiziert („Tired of Not Sleeping Well?: A Self Help Guide to Better Health and a Deep …). Auch ein fiktionaler Roman befindet sich in ihrem eher schmalen Werkverzeichnis (Beyond All Odds). Er erscheint mir stark autobiographische Züge zu tragen, ob es sich um Schlüsselroman handelt, konnte ich bisher nicht herausfinden. Dazu fehlen mir Detailkenntnisse ihres Lebens.
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Eigentlich wollte ich etwas zur Rolle der Gedächtniskirche im Zusammenhang mit dem LKW-Attetntat auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin schreiben, unversehens ist daraus ein Rückblick auf eine meiner nicht erfüllten Liebschaften geworden. Diese Kirche wurde zum Ort des Gedenkens an die Opfer des LKW-Attentats. Gewiss, der Ort der Tat liegt gleich nebenan. Doch wie selbstverständlich wuchs er über die Rolle einer lokalen Gedenkstätte hinaus, wurde zum zentralen Erinnerungsort gegen den Krieg schlechthin. Wie das? Wieso eigentlich musste eine Kirche als Mahnmal gegen den Krieg herhalten, die bei ihrem Entstehen einem deutschen Kaiser gewidmet war? Und dann: Welchem Wilhelm eigentlich? Es bestehen ja himmelweite Unterschiede zwischen Wilhelm I. und Wilhelm II. Tatsächlich wurde sie dem I. zu Ehren gebaut. Doch das auf Anregung (!) des Zwoten Wilhelm. Allein das schon muss einem suspekt vorkommen. Überdies: War Wilhelm I. (1797 – 1888) wirklich solch ein zahmes Lämmchen, dass man ihm den Frieden hätte anvertrauen können? Zwar galt er um die Mitte des 19. Jahrhunderts als Hoffnung des liberalen Europa, doch war es nicht eben dieser Wilhelm, der die März-Revolution von 1848/49 hatte zusammenschiessen lassen? Dass der post-pubertäre Wilhelm II. nicht als Schirmherr einer Friedenskirche in Frage gekommen wäre, ist klar. Doch auch bei seinem Großvater hätte man lieber zweimal hinschauen sollen.
Warum musste diese Kirche, die ja als Mahnmal wider den Krieg einen ganz anderen Charakter zu offenbaren hätte, überhaupt den Namen eines Kaisers tragen, der schon per se oberster Kriegsherr war? Und gar schon den eines Hohenzollern? Gibt es keine anderen Persönlichkeiten in der deutschen Geschichte, denen diese Rolle besser zu Gesicht gestanden hätte? Auch ein Sachbezug wäre denkbar gewesen. Nur nicht zu einem dieser zwiespältigen Wilhelme.
Ich würde diese Kirche Monika widmen. Aber mich fragt ja keiner!